Zu Hause in zwei Sprachwelten – Kleist-Preis 2016 für Yoko Tawada

Zu Hause in zwei Sprachwelten – Kleist-Preis 2016 für Yoko Tawada

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Am 20. November wird Yoko Tawada mit dem diesjährigen Kleist-Preis ausgezeichnet. Die 1960 in Japan geborene und seit den 1980er Jahren in Deutschland lebende Schriftstellerin hat „in Gedichten, Romanen, Prosa, Theaterstücken und Essays eine ganz originäre Schreibweise entwickelt, in der Motive wie Fremdheit und Übersetzung in subtilen Sprachspielen entfaltet werden“, wie es in der Pressemitteilung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft heißt.

Sprachmagierin Yoko Tawada

Als Teil der so genannten interkulturellen Literaturszene ist Yoko Tawada einzigartig. Es gibt keine andere Autorin, die auf Deutsch und Japanisch publiziert, in beiden Sprachwelten seit über drei Jahrzehnten derart zu Hause ist und diese doppelte Sprachzugehörigkeit in ihrem Werk immer wieder thematisiert. Durch ihre sensible Beobachtung der deutschen Sprache und ihrer Eigenheiten hat sie einen eigenen sprachverfremdenden Stil geschaffen, der auch deutschen Muttersprachlern ein ganz neues Gefühl ihrer Sprache vermittelt.

Sprache und Zugehörigkeit

Als „Außenstehender“ gelingt es ihr, sprachliche Wendungen, Redensarten oder besondere Formen der Grammatik neu zu sehen und aus der Distanz zu beschreiben. Während Yoko Tawada dieses Fremdsein für ihre Arbeit als Autorin positiv bewertet, thematisiert sie in ihren Texten auch die Probleme, die das Leben in einer neuen Sprachwelt mit sich bringt:

Haben Sie die Zunge, die man braucht, um hierher zu gehören? Nein, habe ich nicht. Denn meine Zunge kann die Wörter nicht so aussprechen wie die Zunge der Einheimischen.

(Tawada, Yoko: Wolkenkarte. In: Dies.: Übersetzungen. Tübingen: Konkursbuch-Verlag 2002, S. 52)

Sprachnot durch Migration

Wenn kaum etwas so sehr unsere Identität bestimmt wie unsere sprachliche Herkunft, wie wirkt sich dann der Wechsel in eine andere Sprachwelt aus? Was passiert, wenn man das sichere Terrain der Erstsprache verlässt und sich in einer neuen Sprache zurechtfinden muss, zumal dann, wenn dieser Wechsel wie im Fall von Flüchtlingen nicht freiwillig erfolgt ist?

Material für anregende Diskussionen zu diesen Fragen finden Sie in der  RAAbits-Einheit  „Sprache und Identität – wie Sprache uns formt und was sie uns bedeutet“. Darin setzen sich Ihre Schüler mit Sprache und ihrem Stellenwert für das eigene Selbstverständnis und das Zugehörigkeitsgefühl auseinander. Im Kontext von Migration und Flucht werden sie sich der kulturellen Bedingtheit von Sprache bewusst und vergleichen dabei die Situation der ehemaligen Gastarbeiter mit der der Flüchtlinge, die in den letzten Monaten nach Deutschland gekommen sind.

Wenn Sie mehr über Yoko Tawada erfahren möchten, lohnt es sich, in dieses Interview von Deutschlandradio Kultur hineinzuhören. Darin erklärt die Autorin unter anderem, warum ihr die deutsche Sprache zuerst wie eine ungreifbare Nebelwolke vorkam und weshalb es im Japanischen 20 Wörter für das Personalpronomen „ich“ gibt.

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Pamela Winkler
Pamela Winkler
p.winkler@raabe.de

... ist Redakteurin für RAAbits Deutsch (Sprache).

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