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Repräsentant, Rebell oder Mitläufer – wer war Gerhart Hauptmann?

Repräsentant, Rebell oder Mitläufer – wer war Gerhart Hauptmann?

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Gedanken zum 150. Geburtstag

Nationale Autorität und Repräsentationsfigur

Gerhart Hauptmann in Denkerpose, 1912. In diesem Jahr erhielt Hauptmann den Literaturnobelpreis. Foto: Bildarchiv Prof. Dr. Rüdiger Bernhardt, Bergen im Vogtland

Von kaum einem Dichter kann man das behaupten: Über 60 Jahre hinweg hat er die deutsche Literatur und ihre internationale Wahrnehmung maßgeblich mitgeprägt. Auf Gerhart Hauptmann trifft dieser Satz jedoch zu. Zu seinen Lebzeiten war er der mit Abstand prominenteste deutsche Schriftsteller, wurde in der Weimarer Republik als „Dichterfürst“ verehrt, von Thomas Mann sogar zum „König der Republik“ ausgerufen. Umso erstaunlicher, dass Hauptmann heute im allgemeinen Bewusstsein kaum noch eine Rolle spielt.

Als bedeutende Werke des Naturalismus werden seine Novelle „Bahnwärter Thiel“ oder sein Drama „Die Weber“ in der Schule zwar nach wie vor gelesen. Und auch im Spielplan deutschsprachiger Theater tauchen „Die Ratten“ oder „Der Biberpelz“ gelegentlich noch auf. Hundert Jahre, nachdem ihm 1912 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, ist von der internationalen literarischen und intellektuellen Autorität, die Hauptmann seinerzeit verkörperte, aber nur noch wenig geblieben.

Vom avantgardistischen Provokateur zum kontemplativen Mitläufer

Ob Hauptmanns fragwürdige Rolle, ja sein Versagen als politisch-moralische Autorität dabei eine Rolle spielt? In die Zeit, in der Hauptmann Ansehen, Ruhm und Einfluss genoss, fallen auch die großen Umbrüche und Katastrophen der deutschen Geschichte: Hauptmann erlangte schlagartig Berühmtheit als Skandalautor im Kaiserreich, als seine sozialen Dramen von Kaiser Wilhelm II. der „Rinnstein“-Kunst zugerechnet wurden. Er erhielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg den Nobelpreis und war in der Weimarer Republik als anerkannte Autorität sogar zeitweilig als Kandidat für das Amt des Reichspräsidenten im Gespräch.

Als aber die Nationalsozialisten an Einfluss gewannen, tadelte er zwar deren „Kirmesprügelei“, entschieden widersprochen hat er dem herrschenden Zeitgeist jedoch nicht. Auch nach 1933 blieb er in Deutschland, genoss die Verehrung, die man ihm entgegenbrachte, bewunderte Hitler als Redner, pries sogar noch 1940 dessen „Weltgenie“. Und während die deutschen Exilautoren zu ihrem Idol Hauptmann auf Distanz gingen, zog sich der einst sozialkritische Schriftsteller in die Abgeschiedenheit der Insel Hiddensee zurück und hisste im Vorgarten seines Sommerhauses die Hakenkreuzflagge, um in Ruhe an antiken Tragödienstoffen zu arbeiten.

150. Geburtstag – Anlass zur Wiederentdeckung?

 

Theaterzettel zur Uraufführung des sozialen Dramas „Vor Sonnenaufgang“ im Jahr 1889. Die Aufführung provozierte einen Theaterskandal und machte Hauptmann schlagartig bekannt. Foto: akg-images.

Theaterzettel zur Uraufführung des sozialen Dramas „Vor Sonnenaufgang“ im Jahr 1889. Die Aufführung provozierte einen Theaterskandal und machte Hauptmann schlagartig bekannt. Foto: akg-images.

Als Schriftsteller wie als Mensch bietet Hauptmann ein Bild voller Widersprüche. Sein literarisches Werk spannt einen Bogen von der avantgardistischen Sozialkritik bis zur mystischen Schwärmerei und der Sehnsucht nach klassischer Erhabenheit. Seine Biografie als Repräsentationsfigur ist eng mit wichtigen Epochen und zentralen Umbrüchen der deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert verknüpft … – und alle diese Umstände können den vom Vergessen bedrohten Autor für den Unterricht interessant machen!

Nutzen Sie den 150. Geburtstag am 15. November daher zur Erinnerung an den Schriftsteller und ergreifen Sie die Chance, eine schillernde, schon zu seiner Zeit keineswegs unumstrittene Persönlichkeit der deutschen Literaturgeschichte wiederzuentdecken. Hauptmanns Leben und sein vielfältiges Werk bieten zahlreiche Anlässe zur Diskussion und zu kritischer Urteilsbildung!

Interessieren Sie sich für Hauptmann? Wollen Sie Ihre Schüler im „Hauptmann-Jahr 2012“ auf den Schriftsteller aufmerksam machen? Hier ein paar Literatur- und Internet-Tipps:

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Gerrit Leerhoff
g.leerhoff@raabe.de

Redakteur im RAABE Fachverlag für die Schule

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