Themen
Lehrer-Blog Archiv

„Sollen Grundschüler noch Schreibschrift lernen?“ oder „Vielleicht braucht jede Zeit ihre eigene Schrift“

„Sollen Grundschüler noch Schreibschrift lernen?“ oder „Vielleicht braucht jede Zeit ihre eigene Schrift“

Posting teilen:
http://www.grundschulverband.de

http://www.grundschulverband.de

„Erst ganz hoch, nach vorne dann, so geht’s auf der Autobahn!“ So oder so ähnlich lauteten die Sprüche, die ich als Kind aufsagen musste, wenn ich einen neuen Buchstaben in Schreibschrift nachfahren sollte. Bei jeder Runde war ein anderer farbiger Stift an der Reihe. Damals habe ich meiner Grundschullehrerin zuliebe natürlich alles mitgemacht und mich nicht gefragt, wie sinnvoll diese Übungen für meinen Schreibprozess waren.

In der aktuellen Bildungsdiskussion taucht allerdings vermehrt die Frage auf, ob Grundschüler überhaupt noch eine verbundene Schreibschrift lernen sollen. Einzelne Bundesländer haben sich schon dagegen entschieden. Der Grundschulverband fordert eine grundsätzliche Offenheit, ob eine verbundene Schreibschrift gelernt oder ob diese Entscheidung den Schülern selbst überlassen werden soll. Eine Alternative ist die Einführung der so genannten Grundschrift, die den Kindern nur Angebote macht, wie sich die einzelnen Buchstaben verbinden lassen.

Die Gegner wehren sich gegen den Verfall der Kulturtechnik des Schreibens und plädieren für den Erhalt der Schreibschrift in den Grundschulen.
Einig sind sich beide Lager jedoch über das Ziel, nämlich die Entwicklung einer individuellen, zügig zu schreibenden, gut ausführbaren und lesbaren Handschrift.

Ich habe meine Kollegen bei uns im Verlag nach den unterschiedlichen Erfahrungen mit der Schreibschrift gefragt: Welche Erinnerungen haben sie an den Schreibunterricht? Wie hat sich im Rückblick die eigene Handschrift entwickelt?

Um richtig zu schreiben, braucht sie beides: Spaß und Konzentration. © colourbox.com

Um richtig zu schreiben, braucht sie beides: Spaß und Konzentration. © colourbox.com

Die erste Assoziation sind dann auch oft die oben beschriebenen „Schwungübungen“ im Unterricht. Das reihenweise Schreiben bzw. Malen von „l“ und „m“. In der Bewertung dieser Tätigkeit scheiden sich allerdings die Geister. Was die einen langweilte, empfanden die anderen als meditativ und entspannend. Oftmals war man stolz darauf, ab jetzt mit dem Füller schreiben zu dürfen und nicht mehr nur mit dem Bleistift. Besonders den Kolleginnen machte es Spaß, schön zu schreiben. Im Rückblick fällt einigen auf, dass das Erproben der eigenen „erwachseneren“ Unterschrift der Beginn einer individuellen Handschrift war.

Aus Sicht der Lehrkräfte an den Grundschulen stellen sich ebenfalls einige Fragen zur Abschaffung der Schreibschrift. Oft wird zwar bemängelt, dass der Schreibschriftlehrgang zulasten anderer Lerninhalte gehe, aber der Zugewinn ist nicht von der Hand zu weisen – vor allem, wenn man Wert auf den ästhetischen Aspekt von Schrift legt und nicht allein deren Funktion betrachtet.

Zudem betonen viele Grundschullehrer, dass das Erlernen der Schreibschrift eine gute Konzentrationsübung ist und die Kinder zu Sorgfalt zwingt. Beides sind Kompetenzen, die den Schülern heutzutage zunehmend schwer fallen. Als Lehrer steht man bei der Bewertung von Schülertexten vor der Herausforderung, sich nicht durch ein unsauberes Schriftbild vom Inhalt ablenken zu lassen. Einige treffen deshalb eine ganz individuelle Vereinbarung mit ihren Schülern. Einzelne Kinder, die noch Schwierigkeiten mit der Schreibschrift haben, dürfen bei der Druckschrift bleiben.

Es ist und bleibt also ein umstrittenes Thema und wie die Geschichte der Schreibschrift gezeigt hat, wurde in Deutschland ungefähr alle 20 bis 40 Jahre eine neue Schulschrift gelehrt. Die neueste Schulschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift, gibt es seit 1972 …

Posting teilen:
Nina Skorsetz
Nina Skorsetz
n.skorsetz@raabe.de

war Redakteurin im RAABE Fachverlag für die Schule, entwickelte neue Produkte für die Grundschule mit und betreute die Grundschule-Projekte "Dreifach differenzieren" und "Einfach musikalisch".

5 Kommentare
  • Jennie Berg
    Gepostet um 00:56h, 24 Juli

    Hallo an alle,
    Wir hatten vor kurzem das Thema in einer Schulkonferenz und ich muss sagen :“ Ja Schreibschrift soll noch gelehrt werden!“
    Einigen werden sagen ( wie bei uns auch ) das brauchen wir nicht , es gibt so viel was die Kinder heute zusätzlich lernen müssen wie z.B. Englisch oder Informatik, das mag ja auch stimmen aber mit englisch und Computern werden unsere Kinder heute groß.
    Unsere 7 jährige weiß wie sie mit den Computer umgehen muss und viele Wörter sind schon “ Verenglischt“ worden, aber unsere gute alte Schreibschrift soll aus dem Klassenraum verbannt werden.
    Mal ehrlich das ist ein Kulturgut.
    Zudem finde ich kann man nur eine richtig persönliche Handschrift nur entwickeln, wenn man jede Schriftart kennt ( Druck- und Schreibschrift ).
    Außerdem schreiben die meisten Lehrer an einer weiterführenden Schule Schreibschrift und dann ist es schlecht wenn die Kinder diese nicht mal kennen gelernt haben. Also ich bin dafür!

  • Tobias Dietzsch
    Gepostet um 15:26h, 24 Juli

    Hallo Jennie,
    Danke für die Antwort. Dann will ich mich auch mal dazu äußern: Ich sehe den größten Vorteil der Handschrift in der dadurch vermittelten „ästhetischen Kompetenz“.
    Allerdings glaube ich, dass die Entwicklung einer persönlichen Handschrift nicht zwangsläufig die Kenntnis mehrerer Schriftarten voraussetzt sondern vielmehr häufiges handschriftliches Schreiben – was vielleicht auch durch Computernutzung immer weniger wird.
    Und abgesehen davon entwickeln sich auch Kulturgüter weiter – ohne diese Tatsache gutheißen zu wollen. Am Beispiel Schreibschrift: Frakturschrift und Sütterlin sind inzwischen auch nicht mehr leicht zu lesen …

    Soweit die ersten schnellen Gedanken.
    Grüße

    Tobias
    PS: Mein Fazit lautet, dass ich sehr unentschieden bin 😉

  • Alexandra
    Gepostet um 12:08h, 15 Mai

    Ich bin vor ein paar Wochen über dieses Thema gestolpert und seitdem beschäftigt es mich. Daher würde ich gerne einen zusätzlichen Aspekt in die Diskussion einbringen, der häufig vernachlässigt wird: es gibt Fächer an der Uni, in denen die Prüfungen inklusive der Diplom-/Examensprüfungen handschriftlich abgeleistet werden. Als großes Beispiel, das eine hohe Zahl an Studierenden betrifft, möchte ich auch aus eigener Erfahrung Jura nennen. Es werden in beiden Examen fünfstündige Klausuren in sieben bzw. elf aufeinanderfolgenden Tagen geschrieben. Alles handschriftlich. Während der Vorbereitunsgphase, die sich über ein bis zwei Jahre hinzieht, schreiben die meisten Examensanwärter in der Woche ein bis zwei fünfstündige Klausuren, ebenfalls alle handschriftlich. Vor dem Examen wird eine Schriftprobe verlangt, um Unterschleif entgegenzuwirken. Wer hier keine flüssige, lockere, schnelle Handschrift hat, zählt zu den Verlierern; kämpft schon bald mit Krämpfen und Entzündungen in Armen und Händen. Und lesen möchte es der Korrektor auch gerne können. Nie wieder davor oder danach in meinem Leben war ich so dankbar, in der Grundschule mit der lateinischen Ausgangschrift eine gute Basis bekommen zu haben, aus der ich die restliche Schulzeit eine gut lesbare und schnelle Handschrift entwickeln konnte. Heute in meinem Beruf als Verlagsmitarbeiterin schreibe ich Manuskripte in Druckschrift (ich nenne sie meine Manuskripschrift, da auch sie für mich typische Charakteristika enthält), die mir auch flott von der Hand geht, aber lange nicht so flott wie meine verbunden Handschrift, die viele Grundregeln aus der Schulzeit noch immer enthält, einfach weil es nützlich ist. Eine Alternative dahingehend, dass alle ihre Klausuren am Laptop bearbeiten, wird sich aus meiner Sicht nicht durchsetzen. Wenn 30 bis 50 Prüflinge fünf Stunden in einem Raum sitzen und 15 bis 30 Seiten Gutachten oder Urteil tippen, wird der Geräuschpegel so hoch sein, dass keiner mehr einen klaren Gedanken fassen kann. Es ist allein durch die Anwesenheit so vieler Menschen in einem Raum schon nicht so ruhig, wie man es sich vorstellen und wünschen würde. Zusätzlich würde mich interessieren, ob in den Schulen das Maschinenschreiben wieder gelehrt wird, War bei uns wegen des Vormarsches des Computers vom Lehrplan genommen worden, in der irrigen Annahme, ohne Schreibmaschine müsste man auch nicht mehr tippen… Ich finde, das sind Punkte, die darf man bei der Diskussion nicht außer Acht lassen. Kulturgut hin oder her, Kultur ist nunmal Veränderungen unterworfen, damit kann ich mich abfinden. Aber dass man es unseren Kindern heute ein bisschen leichter macht, damit sie es morgen doppelt so schwer haben, ist einfach nicht einzusehen.

  • Stefanie Marlit Kindl
    Stefanie Kindl
    Gepostet um 08:59h, 04 Juni

    Liebe Alexandra,
    mit Interesse habe ich Ihren Kommentar gelesen und finde Ihre Argumentation auf jeden Fall nachvollziehbar. Sie haben Recht: Eine verbundene Schreibschrift erhöht die Schreibgeschwindigkeit.
    Um eine Klausur mit einer vierstündig geschriebenen Handschrift zu überstehen, dürfen aber auch andere Aspekte nicht unberücksichtigt bleiben. Die meisten Schüler beherrschen zwar die verbundene Schreibschrift, können aber dennoch nicht schmerzfrei über einen längeren Zeitraum schreiben.
    Auch auf die Haltung kommt es an – im Zusammenhang mit der Psychomotorik spielt die Grafomotorik beim Schreiben eine wichtige Rolle. Grafomotorische Schwierigkeiten, d. h. Fehlhaltungen des Stifts oder sogar des gesamten Körpers beim Schreiben, beeinflussen unser Schriftbild, unsere Schreibmotivation, unsere Schreibausdauer und mit Sicherheit auch die Qualität des Textinhaltes. Viele Kinder halten den Stift zum Beispiel so verkrampft, dass sich ihre Finger weiß und rot verfärben. Das habe auch ich oft in meinen Grundschulklassen beobachtet. Entspanntes Schreiben will gelernt sein.
    Was mir als Lehrerin immer große Mühe bereitet hat, war das Entziffern der Aufsätze mancher Schüler. Die Gedanken waren zwar in eine verbundene Schreibschrift gefasst, aber ich kämpfte mich trotzdem mit Mühe durch diese krakeligen Zeilen. Aus diesem Grund habe ich machen Schülern erlaubt, ihre Texte in Druckschrift abzufassen. Das waren dann einfach vorübergehende Individuallösungen.
    Ich finde, dass die verbundene Schreibschrift nicht das Schlechteste ist. Allein schon, um die Vernetzung der Hirnhälften anzuregen, aber auch um alternative psychomotorische Herausforderungen zum Umgang mit den neuen Medien zu schaffen. Man denke daran: Das Bedienen des „Streichelhandys“ wird mühelos bewältigt, während das Halten eines Bleistifts schon eine große Herausforderung für viele Schüler darstellt.
    Und dann noch ein Gedanke zur Bewertung von Klassenarbeiten – besonders von Aufsätzen: Während meines Grund- und Hauptschulstudiums habe ich gelernt, dass die Handschrift eines Schülers den Lehrer unterbewusst doch sehr bei der Notengebung beeinflusst. Eine schöne Schrift suggeriert Intelligenz. Und auch ich habe mich tatsächlich dabei ertappt, diesem vorschnellen Schluss zu unterliegen. Schön geschriebene Aufsätze konnte ich außerdem flüssiger lesen und hatte das Gefühl, dass auch der Schüler seine Gedanken flüssiger formuliert hat.
    Mit einer Kollegin habe ich daher ein kleines Experiment gemacht. Wir haben drei handschriftlich sehr schlecht lesbare Texte unserer Schüler abgetippt und festgestellt, dass sie nun viel besser „klingen“. Diese Erfahrung war für mich sehr nachhaltig, weil ich denke, dass wir im Berufsleben wie auch im Privaten immer wieder über unsere Handschrift beurteilt werden.
    Und zum Abschluss noch etwas Interessantes: Neulich habe ich einen Zeitungsartikel zum Thema „Wie unsere Handschrift unser Leben beeinflusst“ gelesen. Man kennt ja die Schriftanalytiker, die sagen können, wie es uns geht, wenn sie sich unsere Handschrift ansehen. In dem Bericht wurde aber folgende Aussage gemacht: Die Schrift ist ein Abbild von uns selbst. Wenn wir uns verändern, ändert sich auch unsere Handschrift. Deshalb die Frage: Warum soll es nicht also auch umgekehrt funktionieren?
    Ob ich wirklich daran glaube, dass eine Veränderung meines „f“ in „Stefanie“ auch mein Leben oder meine Persönlichkeit verändert? Hm, ich glaube gern auch an zunächst ganz verrückt erscheinende Ideen!
    In diesem Sinne lasse ich hier noch genügend Raum für weitere ungewöhnliche und interessante Diskussionsthemen.

  • Taubert
    Gepostet um 01:54h, 23 Juli

    Eine detaillierte und kritische Auseinandersetzung mit den didaktischen Begründungen des Grundschrift-Konzepts finden Sie auf meiner Homepage http://www.grundschrift.info.
    Viele Argumente des Grundschulverbandes wirken künstlich und konstruiert, die empirische Basis ist schwach und die jüngst angeführten Argumente von Hans Brügelmann stark fehlerbehaftet. Hauptsächlich Wunschdenken und wenig Substanz hat das Grundschrift-Konzept zu bieten.

Schreibe einen Kommentar

Akzeptieren und Weiter
Diese Webseite verwendet Cookies. In unserer Datenschutzbestimmung können Sie Details über die Einstellungen der Anbieter erfahren und wie Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern können. Durch den Besuch der Website akzeptieren Sie die Nutzung von Cookies.