Schwierige Schüler – ein zunehmendes Problem?

Schwierige Schüler – ein zunehmendes Problem?

Posting teilen:

Lehrer – aufgepasst! In naher Zukunft wird die Zahl der psychisch gestörten Kinder und Jugendlichen in Ihren Klassen stark zunehmen. Der Grund: die kürzlich erfolgte Veröffentlichung des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders in seiner 5. Auflage, kurz DSM-5. Herausgegeben wird der Diagnosekatalog von der American Psychiatric Association (APA), der weltweit einflussreichsten Vereinigung auf dem Fachgebiet der Psychiatrie. Das DSM ist ein machtvolles Normierungsinstrument: Denn hier wird genau definiert, welches Verhalten noch normal ist – und welches nicht. Dabei ist ein klarer Trend zu beobachten: Die Schwelle zur psychischen Erkrankung wird immer weiter herabgesetzt.

Rollt eine neue Diagnose-Epidemie auf uns zu?

Das Psychopharmakon Ritalin wird immer häufiger verschrieben Bild: www.colourbox.com

Das Psychopharmakon Ritalin wird immer häufiger verschrieben
Bild: www.colourbox.com

Die Anzahl der Menschen, die angeblich an der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, hat in Deutschland in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Laut Arztreport der Barmer GEK wurde im Jahr 2011 bei rund 750 000 Personen ADHS diagnostiziert – ein Plus von 49 Prozent binnen fünf Jahren. Und durch DSM-5 wird die Zahl voraussichtlich weiter steigen – denn die Altersgrenze, bis zu der die Symptome dieser Erkrankung erstmals aufgetreten sein müssen, wird darin deutlich erhöht. Die Zunahme der ADHS-Diagnosen hat wiederum Folgen für den hiesigen Arzneimittelkonsum: Waren es im Jahr 2006 noch 32 000 der 10- bis 14-Jährigen, die das Psychopharmakon Ritalin verordnet bekamen, so schluckten fünf Jahre später bereits 42 000 Kinder und Jugendliche das umstrittene Medikament. Hamburg ist dabei übrigens Spitzenreiter: Die Verordnungsrate von Ritalin liegt in der Hansestadt rund 50 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

Umstrittenes Medikament, umstrittene Diagnose

Ritalin steht schon seit längerer Zeit in der öffentlichen Kritik – vor allem deshalb, weil die Folgen der Einnahme auf die spätere Gehirnentwicklung bisher nur unzureichend erforscht sind. Immer mehr häufen sich aber auch Stimmen, die den inflationären Gebrauch der ADHS-Diagnose an sich anprangern. Weshalb stellen wir unsere Kinder eigentlich sofort unter Pathologieverdacht, sobald sie von einem imaginären Optimum abweichen? Der Erziehungsexperte Remo Largo ist der Meinung, dass die meisten Kinder nur dann unaufmerksam sind, „wenn die Anforderungen, vor denen sie stehen, ihrem Entwicklungsstand nicht entsprechen“ – das heißt also, wenn sie über- oder unterfordert sind. Und beim „Problem“ Hyperaktivität müsse man Kindern eben „den notwendigen Bewegungsraum geben, in der Schule wie auch in der Freizeit“. In einem Interview mit ZEIT ONLINE plädiert Largo dafür, unsere viel zu hohen Erwartungen an unsere Kinder zu überprüfen.

Wer hilft aber den Lehrern?

Die Erwartungen herunterschrauben, den Druck rausnehmen – das ist leider leichter gesagt als getan. Eltern möchten das Beste für ihr Kind und wünschen sich, dass ihm alle Möglichkeiten offenstehen. Wenn ihr Kind bereits in der Grundschule bei Lehrern und Mitschülern aneckt, dann ist die Angst der Eltern groß, dass es in der Schule „versagen“, später keinen guten Job erhalten und zum gesellschaftlichen Außenseiter werden wird. Lehrer wiederum stehen durch die Pisa-Studien und die aktuellen Schulreformen unter großem Druck. Viele klagen darüber, dass normaler Unterricht kaum möglich ist, wenn einzelne Schüler mit ihrem auffälligen Verhalten ständig den Unterricht stören. Auf die Bedürfnisse und Lernvoraussetzungen jedes einzelnen Kindes einzugehen, ist im jetzigen Schulsystem – aufgrund der großen und heterogenen Klassen – schlichtweg unmöglich.

Welche Erfahrungen haben Sie mit verhaltensauffälligen Schülern gemacht? Und welche Hilfsangebote oder Veränderungen wünschen Sie sich? Schreiben Sie uns – wir sind gespannt auf Ihre Kommentare!

 

Posting teilen:
Valeska Spaetling
Valeska Spaetling
v.spaetling@raabe.de

war Redakteurin im RAABE Fachverlag für die Schule und betreute die Projekte „RAAbits Wirtschaft Berufliche Schulen“ und "RAAbits Realschule Sozialkunde/Politik".

1 Comment
  • Thomas Wilhelm
    Posted at 09:56h, 14 Oktober

    In Deutschland sind psychische Störungen von den Ärzten nach der ICD-10 (International classification of diseases) der WHO zu verschlüsseln, nicht nach besagtem DSM-5 der American Psychiatric Association. Die Verfasser des ICD haben sich bisher allerdings (leider) häufig stark am DSM der amerikanischen Psychiater orientiert. Bei der diesjährigen Neuauflage des DSM allerdings wurde – nicht nur im Bereich ADHS – heftige Kritik laut, auch bezüglich einer möglichen Einflussnahme der Pharma-Industrie auf die Diagnosekriterien. So bleibt zu hoffen, dass die „Pathologisierungstendenz“ des DSM-5 in einer erwarteten Neuauflage der ICD ausbleiben wird.

    Für den Lehrer ist wichtig, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass das Störverhalten eines ADHS Kindes nicht persönlich gemeint ist, dass sie Fortbildungen und Handreichungen zu dem Thema erhalten – und dass der Inklusionsgedanke von den Bildungsministerien endlich praktikabel umgesetzt wird.

Post A Comment

Akzeptieren und Weiter
Diese Webseite verwendet Cookies. In unserer Datenschutzbestimmung können Sie Details über die Einstellungen der Anbieter erfahren und wie Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern können. Durch den Besuch der Website akzeptieren Sie die Nutzung von Cookies.