Themen
Lehrer-Blog Archiv

Regenbogenparade mit ernstem Hintergrund

Regenbogenparade mit ernstem Hintergrund

Posting teilen:

Wenn an den kommenden Sommerwochenenden Lesben, Schwule und Transgender wieder einmal in schrillen Kostümen durch die Innenstädte ziehen, könnte man glatt vergessen, dass diese karnevalsartigen Paraden einen ernsthaften Hintergrund haben. Denn diese sexuellen Minderheiten, die Jahr für Jahr am Christopher Street Day auf die Straße gehen und sich selbst feiern, erinnern damit auch an einen Aufstand, der am 28. Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street in einer Bar stattfand. Die New Yorker Polizei war damals berühmt-berüchtigt für gewaltsame Razzien in der homosexuellen Szene. Regelrechte Straßenschlachten waren an der Tagesordnung.

Seitdem hat sich die Situation aber sichtlich entspannt. Schwul oder lesbisch zu sein ist heute – zumindest hierzulande – meist kein Problem mehr. Wenn selbst ein regierender -Bürgermeister sich mit den Worten „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ öffentlich outet und dies seiner Popularität keinerlei Abbruch tut – sind Diskriminierung und Homophobie dann nicht endgültig Schnee von gestern?

Schwule und Lesben müssen tiefer in die Tasche greifen
Ganz so rosig, wie es die Kostüme vermuten lassen, sieht die Realität leider nicht aus. Zum Beispiel profitieren gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften nach wie vor nicht von den steuerlichen Vorteilen des Ehegattensplittings. Und in Baden-Württemberg zahlen homosexuelle Paare fast doppelt so viel wie heterosexuelle, wenn sie sich auf dem Standesamt offiziell das Ja-Wort geben. Als ob das nicht genug wäre, verwehren einige Gemeinden heiratswilligen Schwulen und Lesben gar ihren offiziellen Trauraum und verweisen sie in schmucklose Hinterzimmer.

In anderen Rechtsbereichen – etwa dem Adoptionsrecht – herrscht auf dem Papier mittlerweile zwar Gleichberechtigung, im wirklichen Leben kämpfen Homosexuelle aber nach wie vor mit Vorurteilen. Wer nicht gerade ein berühmter Volksmusik-Star ist, wird den strengen Anforderungen der Behörden, wie eine „ideale“ Familie auszusehen habe, oft nicht gerecht.

Homosexuell und gläubig, geht das?
Auch die meisten Religionsgemeinschaften lehnen Homosexualität ab. So bezeichnet die katholische Kirche in ihrem Online-Portal zur katholischen Geisteswelt das Verhalten einer homosexuellen Person als „unmoralisch“. Die evangelische Kirche Deutschlands ist bei diesem Thema gespalten. So dürfen homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer in manchen Bundesländern offiziell mit ihrem Partner im Pfarrhaus zusammenleben, in anderen nicht. Föderalismus wie er leibt und lebt auch hier.

Politische Botschaft oder Kommerz?
Gleichberechtigung herrscht also noch nicht. Grund genug, immer wieder auf die Straße zu gehen. Auch wenn die politische Botschaft im lauten Trubel der Gay-Pride- oder Regenbogenparade – wie der CSD außerhalb Deutschlands auch genannt wird – unterzugehen scheint. Weniger Kommerz und mehr politisches Bewusstsein fordert übrigens auch die amerikanische Philosophin Judith Butler. Mit der Begründung, der Christopher Street Day sei zu oberflächlich und ignorant gegenüber dem Problem des Rassismus, lehnte die Berkeley-Professorin im Sommer 2010 inmitten der Parade den Zivilcouragepreis ab und sorgte so für einen Eklat. Viel Lob erntete Butler übrigens von den Veranstaltern des „Transgenialen CSD“, einer Alternative aus Berlin Kreuzberg, die den Schwerpunkt ihrer Parade auf politische und soziale Probleme wie Rassismus oder Gentrifizierung legt.

Posting teilen:
Kathinka Compagnon
Kathinka Compagnon
k.compagnon@raabe.de

…ist Redakteurin im RAABE Fachverlag für die Schule und betreut die Projekte RAAbits Spanisch und RAAbits Realschule Sozialkunde/Politik.

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Akzeptieren und Weiter
Diese Webseite verwendet Cookies. In unserer Datenschutzbestimmung können Sie Details über die Einstellungen der Anbieter erfahren und wie Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern können. Durch den Besuch der Website akzeptieren Sie die Nutzung von Cookies.