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Lauf, Forrest! Lauf! – Die Mär von Marathon

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Lauf, Forrest! Lauf! – Die Mär von Marathon

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Man erkennt es nicht nur an den balzenden, brütenden und Küken aufziehenden Vögeln, dem langsam dunkler werdenden Grün an den Bäumen und dem kälter werdenden Bier in den Gartenwirtschaften: der Frühling ist definitiv angekommen und streckt schon versuchsweise seine Temperaturfühler Richtung Sommer aus. Auch viele Zweibeiner verspüren schon längst wieder einen gesteigerten Bewegungsdrang und das Bedürfnis, Kilometer um Kilometer im Kreis oder von A nach B zu laufen. Fachleute nennen dieses Verhalten dann Agitiertheit. Oder Marathonlauf.

Halbmarathonlauf Berlin 2017

Unsere Redakteurin beim Berliner Halbmarathon (Bildmitte, beim korrekten Einlauf in eine Einbahnstraße) © Jan Fessler

Am ersten Aprilwochenende kaum, dass die Sonnenstrahlen ein wenig Wärme mit sich führen und die Abgaswolken sanft illuminieren traten in Berlin Zehntausende Menschen den Asphalt mit Füßen und absolvierten den ersten Halbmarathon des Jahres. Zumindest den ersten mit redaktioneller Beteiligung, denn gelaufen wird eigentlich das ganze Jahr über.

Dabei sitzen die Läufer streng genommen einem Betrüger auf.

Von Athen nach Sparta

Denn die Legende um einen Läufer von Marathon nach Athen, der den Bewohnern vom Sieg über die Spartaner berichtete und anschließend tot zusammenbrach und, als wäre das noch nicht genug, schließlich als Gründungsmythos für den Langstreckenlauf bei den ersten olympischen Spielen der Neuzeit herhalten musste, ist schlicht erfunden. Oder zumindest sehr stark übertrieben. Dass dieser Läufer Pheidippides hieß, ist hingegen bekannt.

Marathonlaeufer Kueken Gaense Voegel

Läufer auf dem Weg von Marathon nach Athen (Symbolbild)
© Margrit Moschner

Zumindest nennt ihn Herodot so in seiner Be- und Abhandlung der Schlacht von Marathon. So heißt es in Buch VI seiner Historien:

„(106) Damals wurde dieser Pheidippides von den Feldherren abgeschickt, […] und er gelangte am zweiten Tag von der Stadt der Athener in Sparta an.“
(Auszug nach Herodot. Die Bücher der Geschichte V-VI. Übersetzung von Walther Sontheimer. Reclam: Stuttgart 1958, 1981)

Und auch Cornelius Nepos, ein römischer Geschichtsschreiber und einige Jahrhunderte später lebend als Herodot, schreibt in seiner Biographie des damals verantwortlichen athenischen Heerführers Miltiades in De viris illustribus:

„(4,3) Im Schrecken über diesen ihnen so nahe gerückten und so gewaltigen Krieg suchten die Athener nur bei den Lakedaimoniern Hilfe und sandten den Pheidippos, einen Eilboten von der Art, die man Hemerodromoi nennt, nach Lakedaimon, um zu melden, wie schleunige Hilfe sie benötigten.“ (zitiert nach http://www.gottwein.de/Lat/nepos/milt01.php)

Was man nach dem Quellenstudium schnell erkennt: a) Pheidippides läuft von Athen nach Sparta, nicht von Marathon nach Athen, b) bei Cornelius Nepos hieß der Läufer Pheidippos und nicht Pheidippides, und c) keine Kontinentalverschiebung könnte so stark sein, dass Sparta und Athen in den letzten 2500 Jahren etwas mehr als 200 Kilometer auseinandergedriftet wären (vom Fehlen einer Subduktionszone ganz zu schweigen). Wollte man den Mythos also ernst nehmen, müssten die heutigen Athleten etwas mehr als 240 Kilometer laufen (was sie seit 1983 im sogenannten Spartathlon auch tun, wenn auch nicht olympisch).

Von Marathon nach Athen

Eukles Marathon Marathonlauf Griechenland Athen Legende Läufer

Berichte über seinen Tod sind stark übertrieben: der Läufer Eukles @ iStock/duncan1890

Woher kommt also die Mär, die Pierre de Coubertin damals auf Anraten eines Freundes bereitwillig aufgriff und den Langstreckenlauf als Wettkampf bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit installierte?

Schuld daran haben sowohl Plutarch als auch Lukian von Samosata. Ersterer, ein griechischer Schriftsteller, fabulierte ein halbes Jahrtausend nach Herodot die allseits bekannte Geschichte um den Läufer Eukles. Letzterer, Lukian, ein griechischer Satiriker, taufte ein weiteres Jahrhundert nach Plutarch den ebenso bekannten wie nicht existenten Läufer auf den Namen Philippides.

Dies klang ähnlich genug wie Pheidippides, so dass das Unheil seinen Lauf nehmen und bis 1896 die Legende um den Läufer geboren werden konnte, der von Marathon … aber das hatten wir ja schon.

Karte Marathon Athen Wegstrecke Marathonlauf

Wie man mit Faden, Lineal und Griechischkenntnissen sehen kann, ist die Strecke von Marathon nach Athen genau 42 Kilometer lang. Wenn man mit dem Auto fährt.
© OpenStreetMap-Mitwirkende CC BY-SA 2.0

Noch ein paar nette Details am Rande: Die mittlerweile bekannte, auf den letzten Zentimeter abgemessene Distanz von 42 Kilometern und 195 Metern, die die Läufer zu absolvieren haben, wird erst seit den Olympischen Spielen 1908 in London gelaufen. Zuvor ging es lediglich … „lediglich“ … um den Wettkampf der Athleten gegeneinander, die Distanz spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle (wobei die Distanz Marathon-Athen dennoch als Richtschnur galt). Lange Zeit war Marathon übrigens eine reine Männersache, erst seit 1984 ist auch das weibliche Geschlecht berechtigt, olympische Ehren auf die lange Distanz zu erhalten.

Übrigens wird nicht nur das ganze Jahr über, sondern tatsächlich überall gelaufen. Seit 2003 wird der Nordpol-Marathon abgehalten, der sowohl der nördlichste Marathonlauf der Welt ist als auch der einzige offizielle Lauf, der nicht an Land abgehalten wird, da die Läufer auf dem zugefrorenen Arktischen Ozean gegeneinander antreten. Bewaffnete Streckenposten bewachen dabei die Läufer (56 im letzten Jahr) vor Eisbären. Unnötig zu erwähnen, dass es seit 2006 auch ein südliches Gegenstück gibt (minus der bewaffneten Streckenposten und an Land), den Antarctic Ice Marathon, eine exklusive Veranstaltung für den Schnäppchenpreis von 15.000 Euro.

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Ralf Baumgartner
Ralf Baumgartner
r.baumgartner@raabe.de
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