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Kaspar Hauser auf der Leinwand – schräge Filme im Unterricht

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Filmanalyse im Deutschunterricht: Das ist heute selbstverständlich. Seit sich ein erweiterter Textbegriff in der Didaktik durchgesetzt hat, ist unstrittig: Spielfilme sind fiktionale Texte, die mit spezifischen ästhetischen Mitteln arbeiten und die man, um sie zu verstehen – genau wie Werke der Literatur – auf ihre Motiv- und Erzählstruktur hin untersuchen muss.

Doch anhand welcher Filme können Schülerinnen und Schüler das nötige Handwerkszeug erwerben? Welche Produktionen eignen sich für den Einsatz im Unterricht?

Konventionell oder abgefahren – welcher Film passt in meinen Unterricht?

Bei der Film-Auswahl für die Schule gibt es drei Möglichkeiten. Die erste: Sie entscheiden sich für eine Literaturverfilmung. Damit sind Sie auf der sicheren Seite: Roman und Film vergleichen, literarische und filmische Stilmittel gegenüberstellen, Unterschiede in Rezeptionsweise und Wirkung herausarbeiten – für den Vergleich von literarischer Vorlage und Verfilmung gibt es viele bewährte Methoden. Material steht auch reichlich zur Verfügung: In den RAAbits zum Beispiel zu „Homo faber“ (Roman und Film) oder zu „Dracula“ (Roman, Film und Comic).

Die zweite Möglichkeit: Sie holen die Schülerinnen und Schüler in ihrer Lebenswelt und bei ihren Sehgewohnheiten ab. Ästhetisches Neuland erschließen Sie so zwar nicht, die Analyse von Hollywood-Produktionen hat aber auch viele Vorteile: Die Aufmerksamkeit ist Ihnen sicher und die Jugendlichen können ihre neuen Kompetenzen gleich beim nächsten Kinobesuch anwenden. Auch dazu gibt es eine Menge Handreichungen: in den RAAbits zum Beispiel in der Reihe zu „Fantasy, Science Fiction und Horror“.

Die dritte Möglichkeit erfordert ein bisschen mehr Mut – und dazu folgen hier Vorschläge: Warum nicht mal die ausgetretenen Pfade verlassen und sich auf avantgardistische Filmkunst einlassen? Auf Produktionen, die sonst nur in der Spätvorstellung oder im Programmkino laufen? Zwei Filme über „Kaspar Hauser“, der eine von Werner Herzog (1974), der andere von Davide Manuli (2013), zeigen: Das Experiment kann sich lohnen!

Werner Herzog – der „Neue deutsche Film“ der 1970er-Jahre

Werner Herzogs Film „Kaspar Hauser – Jeder für sich und Gott gegen alle“ aus dem Jahr 1974 bietet sich besonders für den Unterricht an: Heutige Schüler sind aus ihrem Medienalltag schnelle Schnitte und ein hohes Tempo gewöhnt – Herzogs Film wirkt dagegen irritierend langsam: Das gedrosselte Tempo und die wirkungsvoll inszenierten, streng komponierten Bilder des Films erleichtern es den Jugendlichen auf diese Weise, die Distanz einzunehmen, die für eine detaillierte Analyse von Einstellungsgrößen, Perspektiven, Schwenks und Schnitten nötig ist. Der Trailer vermittelt davon einen Eindruck:

Werner Herzogs eigenwillige Interpretation des Kaspar-Hauser-Stoffes kann im Unterricht den Blick auf die umfassende literarische und kulturhistorische Tradition eröffnen, die sich um den Mythos „Kaspar Hauser“ rankt. Der Film bietet jede Menge Anknüpfungspunkte für die nähere Beschäftigung mit dem historischen Fall, für die Auseinandersetzung mit der literarischen Rezeption – und zum Vergleich mit einer aktuellen Verfilmung.

Davide Manuli – experimentelles Kino der Gegenwart

Besonders reizvoll ist es in einem film- und musikinteressierten Oberstufenkurs, Herzogs Film eine Produktion von 2013 gegenüberzustellen: In „The legend of Kaspar Hauser“ liefert der italienische Filmemacher Davide Manuli eine groteske und surrealistische Interpretation des Stoffes: Ein junger Mann (oder ist es eine Frau?) wird bewusstlos am Strand angespült. Auf der Insel als König erwartet und als Erlöser verehrt, interessiert er sich jedoch nur für Musik: Kaspar Hauser will DJ werden! Doch sehen Sie selbst:

„Ein herrlich absurdes Werk“, lautet das Pressezitat im Abspann des Trailers. Aber lässt sich damit im Unterricht ernsthaft etwas anfangen? „Und ob!“, möchte man ausrufen: Obwohl zeitlich und räumlich völlig anders verortet, gibt es viele Ähnlichkeiten zu Herzogs Film, die Ihre Schüler entdecken können: Reiht Herzog in langen Einstellungen Stationen der „Passionsgeschichte“ Kaspar Hausers aneinander, so bietet Manuli eine Folge von Plansequenzen in Schwarz-Weiß, die Versatzstücke des Kaspar-Hauser-Mythos variieren. Immer spielt dabei die Weite der menschenleeren Landschaft eine Rolle – egal ob in Franken oder auf Sardinien. Und auch der Blick auf die Gesellschaft, der Kaspar begegnet, ist bei Manuli so pessimistisch wie bei Herzog: Menschliche Beziehungen sind auf überkommene Rollenklischees und Machtkonstellationen reduziert. Die meisten Figuren – zum Teil von Profis, zum Teil von Laien gespielt – tragen keine Namen, sondern nur Funktions- oder Rollenbezeichnungen („Der Sheriff“, „Die Hure“, „Der Priester“). Ihre Welt ist weitgehend sprachlos, die Kommunikation scheitert. Ein individueller Ausdruck scheint nur über das Medium der Musik möglich – zu der Kaspar Hauser eine ganz besondere Beziehung hat.

Wo finde ich Material? – Unterrichtsideen zu Kaspar Hauser im Film

Haben die Trailer Ihr Interesse geweckt? Hat Sie der Darsteller Bruno S. fasziniert? Oder der Soundtrack von „Vitalic“ in den Bann gezogen? Dann holen Sie sich die „Kaspar Hauser“-Filme in den Unterricht! Beide sind auf DVD erhältlich (FSK jeweils: ab 12 Jahre).

Unterrichtsmaterial und weitere Ideen finden Sie (mit Schwerpunkt auf Analyse des Films von Werner Herzog) in der RAAbits-Reihe Werner Herzog: „Kaspar Hauser – Jeder für sich und Gott gegen alle“. Filmanalyse, Reflexion über Sprache und literarische Moderne.

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Gerrit Leerhoff
g.leerhoff@raabe.de

Redakteur im RAABE Fachverlag für die Schule

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