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Jugendliche und Religion: Werte als rettende Anker für Tradition?

Jugendliche und Religion: Werte als rettende Anker für Tradition?

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Welchen Bezug haben junge Menschen (Kinder und Jugendliche) heute noch zu Religion, Gott und Kirche? Gemessen am Freizeitverhalten gehen deren Interessen zunehmend in Richtung individueller Erkenntnis und Gestaltung der eigenen Persönlichkeit, wobei der individualisierte Anspruch an die eigene Leistung und eine Ich-bezogene Entfaltung im Vordergrund stehen.

Die Gestaltung der Freizeit neben der Schule wird neben Schularbeiten und Freunden zunehmen durch Mediennutzung bestimmt (JIM-Studie 2012). 78 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren nutzen mindestens einmal in der Woche das Internet, 57 Prozent sind inzwischen sogar täglich im Web, um in Online-Communities in sozialen Netzwerken, Videoportalen und Suchmaschinen nach Informationen zu surfen. Dabei wird die allgegenwärtige Verfügbarkeit sogar weiter erhöht: Bereits 47 Prozent haben ein Smartphone, um mobil online zu gehen.

Der traditionelle Lebensbereich (institutionalisierte) Religion hingegen scheint für die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland insgesamt nur noch eine mäßige Rolle (Shell Jugendstudie 2010) zu spielen. In den neuen Bundesländern ist Religion weitgehend bedeutungslos geworden. In den alten Bundesländern spielt sie eine mäßige Rolle. Gott ist für 44 Prozent der katholischen Jugendlichen wichtig. Anders sieht es bei den Jugendlichen aus, die einen Migrationshintergrund haben. Für sie ist Religion wichtig und die Relevanz nimmt vergleichsweise zu.

Religion und Jugend Shell Jugendstudie 2010

– Quelle: Shell

Für die Sinus-Studie „Wie ticken Jugendliche?“ 2012, die unter anderem im Auftrag des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend entstand, wurden 14- bis 17-Jährige qualitativ interviewt.

Ein Großteil der befragten Jugendlichen verbindet mit dem Begriff “Glauben” nicht stringent das Thema Religion, noch seltener Kirche. In allen Bereichen ihres Lebens ist für sie demnach die Sinn-Suche von Bedeutung. Glaube wird vornehmlich als personalisiert und von der Kirche als sichtbare Ausprägung von Religion weitgehend unabhängig betrachtet und im Alltag gelebt.

So hat es Kirche, sei es als Begriff, sei es als Institution, zunehmend schwerer, unter Kindern und Jugendlichen anzukommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Kirche wird in erster Linie als die festgefügte Einrichtung gesehen, die sich durch hierarchische Strukturen auszeichnet. Ihre Wahrnehmung von Kirche – wie Pfarrer, alte Menschen, alte Lieder, alte Gebäude – fügt sich für Jugendliche zu einem entsprechend alten und längst überholten Erscheinungsbild. Demnach wird dies auch vorwiegend als unmodern, diskriminierend und fern von täglich empfundenem Druck und Herausforderungen bewertet. Das schreckt junge Leute mehrheitlich ab.

Dabei lehnen die meisten Jugendlichen andere traditionelle Säulen wie Familie und Freunde, verbunden mit Werten wie Pflichtbewusstsein und Sicherheit keineswegs ab. Sie besinnen sich darauf sogar in schwierigen Lebensphasen.

Die Vielfalt der individuellen Einstellungen von Kindern und Jugendlichen lässt sich entlang der grundlegenden Lebenseinstellung schematisch kategorisieren, wenngleich man nicht die Jugend abbilden kann. Hierzu gibt es zu viele unterschiedliche Nuancen, in denen sich Einstellungen zu Religion wiederfinden. Das folgende Schaubild zeigt die Gruppen, denen sich die Jugendliche zuordnen lassen.

– Grafik: BDKJ

Angesichts dieses Befundes und der vielfältigen individuellen Einstellungen wird es zunehmend schwieriger, bestimmte Gruppen unter jungen Menschen zu erreichen und ihnen Orientierung in ihrer Sinnsuche zu vermitteln. Es bedeutet sowohl für den Religionsunterricht in der Schule als auch für andere Bereiche der Bildungs- und Jugendarbeit eine immense Herausforderung.

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Ingo Becker
Ingo Becker
ib@mindrockets.com

Journalist @mindrockets & Blogger des RAABE Lehrer-Blog @RaabeSchule [Google+ Profil]

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