Hirngerecht lernen? – Ein Pilot-Projekt, das funktioniert

Hirngerecht lernen? – Ein Pilot-Projekt, das funktioniert

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Zum neuen Schuljahr heißt es, neue Schüler und ihre Bedürfnisse kennenlernen, Lernprozesse effektiv strukturieren und Begabungsunterschiede aufzufangen. Doch wie geht man vor? Woran kann man sich orientieren? Inspirierende Ansätze bietet ein Pilot-Projekt, welches Hirnforschung und Schulpraxis zusammenführt. Wir sprachen mit den Initiatoren, dem Neurobiologen Herrn Prof. Roth und dem Lehrer Herrn Koop.

Ein Interview mit dem renommierten Neurobiologen Gerhard Roth und dem Lehrer Michael Koop

Herr Roth, Herr Koop, an der Gesamtschule Bremen-Ost haben Sie den Unterricht gehörig umgekrempelt. Wie kam es dazu?

In der Lernpsychologie gibt es seit längerem fundierte Erkenntnisse darüber, wie Lernen einschließlich schulischen Lernens funktioniert, z.B. hinsichtlich der großen Bedeutung der Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Feinfühligkeit der Lehrperson, der Motivation, des Vorwissens und der Anschlussfähigkeit des zu vermittelnden Wissens , der Vielfalt der Unterrichtsmethoden, der fachübergreifenden Thematik und der Wiederholung.

Die Neurobiologie war in der Lage, diese Erkenntnisse durch Einsichten in die zugrunde liegenden neuronalen Mechanismen zu untermauern. Das erhöht die Glaubwürdigkeit stark. Wir stellten fest, dass sowohl in der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer als auch im Rahmen ihrer schulischen Tätigkeit weder die psychologischen noch die neurobiologischen Erkenntnisse hinreichend bekannt waren.

In den Schulen war man meist der Meinung, der Lehrende müsse ganz für sich das „Rad neu erfinden“, d.h., sein eigenes Lehrkonzept entwickeln. Das haben wir als höchst unzweckmäßig angesehen und die Gesamtschule Bremen-Ost, an der einer von uns, Michael Koop, Lehrer ist, als Ort ausgewählt, an dem wir die genannten Erkenntnisse in die Unterrichtspraxis umsetzen wollten.

Wie wurde das Projekt bei den Beteiligten, der Schulleitung, den Lehrerkollegen, den Eltern und Schülern, aufgenommen?

Es lief wie bei allen Konzepten, die auf eine veränderte Praxis abzielen: Bei der Vorstellung des Konzepts vor der Lehrerschaft waren die meisten sehr angetan. Nach der Aufforderung, es möchten sich diejenigen melden, die bei dem Projekt mitmachen wollen, waren es schon sehr viel weniger. Die Zahl derer, die sich dann schriftlich zur Mitarbeit verpflichteten, lag schließlich bei rund 10 Prozent der ursprünglich Begeisterten. Dies hat uns nicht schockiert, denn wir wussten, dass nur die wirklich Überzeugten bei der Stange bleiben werden.

Es war sowieso unsere Intention, „klein“, d.h. mit nur einem Jahrgang zu beginnen – mehr wäre aus organisatorischen Gründen anfangs gar nicht gegangen. Diese Willigen haben wir dann ein Jahr lang systematisch geschult. Die Schülerinnen und Schüler waren gleich zu Anfang begeistert und sind es noch heute. Die Eltern waren teils interessiert, teils skeptisch („schon wieder eine Neuerung!“), teils desinteressiert. Das hat aber unsere Arbeit nie ernsthaft behindert.

Was sind die drei wichtigsten Erfolgsmeldungen Ihres Projekts?

Die beteiligten Lehrkräfte und die Lernenden sind nach fünf Jahren der Praxis und der Einführung unseres Konzepts in demnächst fünf Jahrgängen durchweg positiv bis begeistert: Sie genießen die entspanntere Unterrichtsatmosphäre und niemand denkt an ein Aufhören.

Auch konnte die Schulung der Lehrkräfte durch uns weitestgehend zurückgefahren werden, denn das machen inzwischen die Lehrkräfte selbst. Schließlich zeigen erste Erfolgsüberprüfungen, dass neben der höheren Lehr- und Lernmotivation der Behaltensgrad des vermittelten Wissens höher ist als im traditionellen Unterricht.

Was raten Sie Lehrern oder Schulen, die sich für Ihren Ansatz interessieren und ihren Unterricht hirngerecht ausrichten wollen? Womit sollten sie beginnen?

Nach dem geistigen „Durchdringen“ und der allgemeinen Akzeptanz des Konzepts ist die erste und wichtigste Voraussetzung Lehrerteams zu bilden, die in Absprache mit anderen Teams überlegen, wie sie das Konzept in Unterrichtsabläufe genau umsetzen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die optimale Teamgröße bei 2 bis 3 Lehrkräften aus unterschiedlichen, aber kombinationsfähigen Fächern liegt, nicht mehr. Dazu ist die vorbehaltlose Unterstützung durch die Schulleitung unabdingbar (meist kein Problem).

Die zweite Voraussetzung heißt „klein anfangen“, d.h. in einem Jahrgang und an einem Wochentag einen „Ganztags-Projekttag“ durchführen. Nach zwei Jahren Erprobung kann man dann jährlich einen weiteren Jahrgang hinzunehmen und eventuell einen zweiten Wochentag. Dieser Prozess sollte sich idealerweise auf alle Jahrgänge und Wochentage ausdehnen, aber man kann auch bei einer Mischung von Projekttagen und Tagen mit traditionellem Unterricht verbleiben.

Die dritte Voraussetzung lautet: sich nicht durch Fehlschläge und Kritik entmutigen lassen und flexibel vorgehen, ohne das Grundkonzept aus den Augen zu verlieren.

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass Lehrer generelle Zusammenhänge zwischen Hirnforschung und Schulpraxis kennen?

Die Hirnforschung kann – anders als gelegentlich behauptet – nicht direkt das bessere Unterrichtskonzept liefern. Das geht nur zusammen mit psychologischen Lernforschern und beide nur zusammen mit erfahrenen und aufgeschlossenen Didaktikern und Pädagogen. Alle zusammen müssen sich dann mit den Praktikern, d.h. den Lehrkräften zusammensetzen, denn auf die kommt es letztlich an.

Die Hirnforschung kann aber das wissenschaftliche Fundament liefern und dadurch mithelfen, viele – aus unseren Augen oft dogmatische bzw. parteipolitisch eingefärbte – Auseinandersetzungen um den optimalen Unterricht zu beenden.

Herr Roth, Herr Koop, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch und wünsche Ihnen und Ihrem Projekt weiterhin viel Erfolg!

Gerhard Roth Michael Koop Cover Buch Hirnforschung Schulpraxis hirngerecht lernen

 

Mehr über das Pilot-Projekt, die wissenschaftlichen Grundlagen und die gewonnenen Erkenntnisse erfahren Sie in „Besser lehren – besser lernen, Schulpraxis und Hirnforschung im Tandem“.

 

Schnell sein lohnt sich! Die ersten 5 Besteller erhalten ein exklusives, von den Autoren handsigniertes Exemplar!

 

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Christine Joos
Christine Joos
c.joos@raabe.de

... betreut bei RAABE "RAAbits Realschule Deutsch", "RAAbits Deutsch Berufliche Schulen" sowie das zugehörige Portal "RAAbits Deutsch Berufliche Schulen online".

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