Themen
Lehrer-Blog Archiv

Differenzierung – Bildungsexperte Manfred Bönsch im Interview

Differenzierung – Bildungsexperte Manfred Bönsch im Interview

Posting teilen:

Viele Jahre schon ist Professor Manfred Bönsch in der Lehrerausbildung und beratend an Schulen tätig. In dieser Zeit konnte er im Bereich Schule und Unterricht einen reichen Erfahrungsschatz sammeln. Obwohl schon emeritiert, ist er weiterhin aktiv im Bereich Differenzierung und individueller Förderung: Er  schreibt weiterhin Artikel und Bücher und hält Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer, so zum Beispiel am 20. Mai für die Raabe Akademie in Hannover. Das Thema der Fortbildung lautet: „Differenzierung? – Ja! Aber wie?“. Im Vorfeld hat sich der langjährige RAABE-Autor Zeit genommen, und uns (Gerd Birkigt und Benedikt Reinhard) einige Fragen zum Bildungssystem, zur Lehrerausbildung und zu Differenzierung im Unterricht beantwortet.

Bildungssystem

Bildungsexperte und RAABE-Autor Prof. Dr. Manfred Bönsch - Bild ©: Manfred Bönsch

Bildungsexperte und RAABE-Autor Prof. Dr. Manfred Bönsch – Bild ©: Manfred Bönsch

Raabe-Verlag: Herr Professor Bönsch, in den Jahren Ihrer Tätigkeit im Bildungsbereich gab es sicher die eine oder andere Veränderung. Berichten Sie uns doch kurz von Ihren Erfahrungen: Was hat sich in der Schule in den letzten 50 Jahren verändert?
Prof. Dr. Manfred Bönsch: Im Bereich des Schulwesens ist die wesentliche Veränderung, dass sich das viergliedrige Schulwesen tendenziell zu einer Zweisäuligkeit, also mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule, entwickelt. Was den Unterricht anbelangt, ist der Paradigmenwechsel von der Gestaltung des Unterrichts hin zur Gestaltung der Lernprozesse der Schüler und Schülerinnen die wichtigste Veränderung: Wenn die Differenzierung im Unterricht gelingt, wird dies alle Schüler und Schülerinnen zu einem erfolgreicheren Lernen bringen.

RV: Und was waren Ihrer Meinung nach die weitreichendsten Veränderungen?
Prof. Bönsch: Nach der Gründung von Gesamtschulen in den siebziger Jahren kommt es jetzt zu der bereits genannten Umstrukturierung des Schulwesens. Dazu kommt die Inklusion, die die Schülerschaften der Schulen massiv verändern wird – und aktuell ist die Flüchtlingskinderthematik zusätzlich zu bewältigen. Einerseits wird also die Heterogenität in den Klassen größer, andererseits werden Bildungsstandards heute klarer definiert. Und die Schule wird künftig ein Handlungsfeld sein, in dem mehrere Professionen (Lehrer/-innen, Schulsozialarbeiter/-innen usw.) zusammen arbeiten, um die komplexer gewordenen Aufgaben meistern zu können.

RV: Können wir nach Jahrzehnten der Bildungsforschung das Lernen an unseren Schulen denn heute überhaupt noch verbessern? Und wenn ja, wie?
Prof. Bönsch: Ja, natürlich. Gerade im Bereich der effektiven Initiierung des Lernens sind wir noch lange nicht am oberen Ende! Noch immer ist bei uns eher eine lehrerorientierte Vermittlung der Lerninhalte dominant, besonders ausgeprägt am Gymnasium. Das Lernen sehr unterschiedlicher Lerner ist damit noch nicht optimal organisiert: Methodenvielfalt und die Förderung selbstständigen Lernens sind verbesserbar.

Lehrerausbildung

RV: Sie selbst waren viele Jahre als Professor für Pädagogik an der Universität Hannover in die Lehrerausbildung involviert. Angesichts der Tatsache, dass viele Referendare über eine sehr starke Belastung im Referendariat klagen, müssen wir uns doch fragen: Geben wir unseren Lehramtsstudenten das mit, was sie später für die Schule brauchen? Was meinen Sie?
Prof. Bönsch: Die Lehrerausbildung ist in einem ständigen Auf und Ab. Die derzeitige Konstruktion mit dem Bachelor-/Masterstudium verlängert zwar das Studium – für jedes Lehramt sind jetzt 5 Jahre zu studieren! Ob das Lehrerstudium damit besser geworden ist, ist aber die große Frage. Zudem sind die „credit points“, die Studenten für gute Examina erwerben müssen, häufig wichtiger als die Inhalte. Handwerkszeug für den Schulalltag kommt im Studium insgesamt zu kurz.

RV: Können Sie als erfahrener Pädagoge unseren jüngeren Lehrern einen Tipp mit auf den Weg geben? Wie kann ich am besten an der Schule bestehen?
Prof. Bönsch: Vorweg sei gesagt, dass die Wehleidigkeit junger Leute mitunter zu ausgeprägt ist! Aber wichtig ist schon, dass jeder frühzeitig lernt, sich gut zu organisieren, um nicht angesichts der Anforderungen unterzugehen. Vielleicht kann es auch helfen, dass man sich vergegenwärtigt, was eigentlich von den Schülerinnen und Schülern täglich verlangt wird. Zudem sollte man bedenken: Der Lehrerberuf hat nach wie vor viel freie Dispositionszeit, über die jeder verfügt. Das gibt es in kaum einem anderen Beruf.

RV: Darüber hinaus: Was können die Lehrergenerationen voneinander lernen?
Prof. Bönsch: Am wichtigsten wäre die Einsicht, dass der Lehrer kein Einzelspieler ist, sondern ein Teamplayer sein sollte. Kooperation schafft auf Dauer Entlastung und mehr Berufszufriedenheit. Von den Älteren, die bis zum 65. Lebensjahr Dienst tun, kann man sicher lernen, wie man den Alltag bewältigt und trotzdem gern zur Schule geht.

Differenzierung im Unterricht

RV: Eine Ihrer Überzeugungen ist in einem Ihrer Bücher festgehalten: Heterogenität ist Alltag – Differenzierung ist die Antwort. Wie kann ich als stark ausgelastete Lehrkraft denn den Mehraufwand der Differenzierung stemmen?
Prof. Bönsch: Wir müssen uns bewusst machen, dass Unterricht erst dann wirklich effektiv sein wird, wenn er auf jeden Schüler tatsächlich eingehen kann. Der Mehraufwand ist also keine leidige Aufgabe, sondern eine notwendige, wenn man vom Schüler her denkt. Dann, wenn Lehrer/-innen z. B. in einem Fach zusammenarbeiten, Ausarbeitungen und Arbeitsmaterialien austauschen, vielleicht sogar immer wieder Team-Teaching praktizieren, vermindert sich individuell gesehen der Vorbereitungsaufwand. Wenn jeder immer wieder alleine bei null beginnt, ist die berufliche Arbeit sehr unökonomisch organisiert und führt dann zu Überlastungen.

RV: Trotz Kooperation und Teamteaching: Die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler in jedem Fach, in jeder Unterrichtsstunde stellt hohe Ansprüche an alle Lehrkräfte. Wie können sie diese gewaltige Aufgabe bewältigen, die, wie Sie ja sagen, angesichts der an die Schulen kommenden Flüchtlinge noch schwieriger wird?
Prof. Bönsch: Die Tätigkeit der Lehrer/-innen ist in der Tat hochkomplex und sehr anspruchsvoll. Das wird in der Gesellschaft längst noch nicht genügend anerkannt. Aber noch einmal: Wenn die Schule nicht mehr auf den Einzelspieler setzt, sondern durch eine veränderte Unterrichtsorganisation die Kooperation fördert und damit die Arbeit erleichtert, dann werden die Aufgaben bewältigbar. Der Gedanke „Schule in der Schule“, also große Lernsysteme in kleinere, relativ selbstständige Einheiten zu untergliedern, die Bildung von Jahrgangsteams, die einen z. B. 6. Jahrgang unterrichten und dabei flexibel mit Aufgaben und Ressourcen umgehen können, Fachkonferenzen, die den Unterricht gemeinsam vorbereiten, Klassenteams, die den Unterricht in einer Klasse gestalten – das alles sind Kooperationsformate, die das Bewältigen der Aufgaben möglich machen. Das Allerwichtigste aber ist, dass Mut und Humor den Alltag bestimmen. Dann lässt sich alles miteinander bewältigen.

RV: Herr Prof. Dr. Bönsch, vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview!

Posting teilen:
Benedikt Reinhard
Benedikt Reinhard
b.reinhard@raabe.de

… ist als Volontär im Raabe Fachverlag für Bildungsmanagement für die Broschürenreihe für Referendare ‚Perspektive Lehramt‘ zuständig. Außerdem betreut er zusammen mit Mirjam Dapp die RAABE Akademie.

keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Akzeptieren und Weiter
Diese Webseite verwendet Cookies. In unserer Datenschutzbestimmung können Sie Details über die Einstellungen der Anbieter erfahren und wie Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern können. Durch den Besuch der Website akzeptieren Sie die Nutzung von Cookies.