Heinrich von Kleist und die Schule des Lasters

Heinrich von Kleist und die Schule des Lasters

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Heinrich von Kleist (1777-1811), Radierung nach der Kreidezeichnung aus dem Jahr 1831, Kleist-Museum, Frankfurt (Oder)

Heinrich von Kleist (1777-1811). Radierung nach der Kreidezeichnung von 1831. Kleist-Museum, Frankfurt (Oder)

Sein Todestag jährt sich in wenigen Tagen zum 200. Mal: Am 21. November 1811 nahm sich Heinrich von Kleist am Kleinen Wannsee in Berlin das Leben. Das Jahr 2011 ist daher zum „Kleist-Jahr“ erklärt worden. Aber lohnt es sich, Kleist in der Schule zu lesen? Seine Sprache klingt zunächst fremd, seine Stoffe wecken spontan wenig Begeisterung. Doch viele seiner Themen sind bis heute aktuell: Der Querdenker Kleist kann auch 200 Jahre nach seinem Tod noch provozieren, zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – zum Beispiel über Prinzipien moralischer Erziehung und das Zusammenleben der Generationen.

Sind es gute Vorbilder, die Heranwachsende nachhaltig prägen? Oder brauchen Jugendliche gerade abschreckende Beispiele für eine eigenständige Entwicklung? Diese Fragen wirft Kleists „Allerneuester Erziehungsplan“ auf, ein satirisch anmutender Text, der 1810 unter dem Pseudonym „C. J. Levanus“ in den „Berliner Abendblättern“ erschien. Kleist schlägt darin eine Schule vor, die nach den Prinzipien von Widerspruch und Rebellion funktioniert: In der „Lasterschule“ erfahren die Schüler nicht Harmonie und Verständnis, sondern bekommen vor allem Gelegenheit zur Abgrenzung: Untugenden wie Egoismus, Faulheit und Verschwendung stehen auf dem Stundenplan und werden praktisch vorgelebt – mit dem Effekt, dass sich als „natürliche Reaktion“ moralisches Bewusstsein und Verantwortung entwickeln.

Faksimile der Berliner Abendblätter

Berliner Abendblätter, Ausgabe vom 29.10.1810 mit dem Beginn des "Allerneuesten Erziehungsplans" von Kleist

Eine absurde Idee? Oder ein gar nicht so abwegiger Gedanke? Basiert Erziehung auf Nachahmung und Partnerschaftlichkeit? Oder sind es gerade die Reibungsflächen und Konflikte zwischen den Generationen, die Entwicklung und Fortschritt in Gang setzen? Darüber lässt sich streiten – heute ebenso wie vor 200 Jahren! Kleists „Allerneuester Erziehungsplan“ für eine „gegensätzische Schule“ bietet eine Grundlage dafür. Der Text ist im Internet leicht zugänglich, zum Beispiel unter zeno.org oder beim Projekt Gutenberg. Auch eine Faksimile-Ausgabe der Berliner Abendblätter lässt sich online durchblättern. Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft hat außerdem unter dem Motto „Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!“ einen Schülerwettbewerb zum Thema ausgeschrieben, an dem sich Oberstufenschüler aus Berlin und Brandenburg noch bis zum 21. November beteiligen können. Hinweise zu weiteren Aktionen anlässlich des Kleist-Jahres 2011 finden Sie auf dem Heinrich-von-Kleist-Portal.

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Gerrit Leerhoff
g.leerhoff@raabe.de

Redakteur im RAABE Fachverlag für die Schule

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