Eine strahlende Zukunft? – 30 Jahre Tschernobyl

Eine strahlende Zukunft? – 30 Jahre Tschernobyl

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Es ist ein riesiges, fast menschleeres Gebiet, größer als das Saarland, das sich die Natur langsam wieder zurückerobert. Wölfe streifen rudelweise durch verlassene Dörfer. Assoziationen an antike Tempelanlagen, deren Spitzen sich mitten in bewaldetem Gebiet nur mühsam über die Baumkronen erheben, drängen sich auf, wenn man sich die heutigen Bilder der einst knapp 50.000 Einwohner zählenden Stadt Prypjat ansieht. Die Menschen im Gebiet um Tschernobyl haben ihre Heimat nicht freiwillig verlassen, sie verloren sie über Nacht. Von etwa 350.000 Menschen ist die Rede, wenn auch einige wenige noch heute in ihren alten Häusern wohnen, auf eigenes Risiko.

In Prypjat, der ukrainischen Stadt in unmittelbarer Nähe zu Tschernobyl, nahm am 26. April 1986, also vor mittlerweile 30 Jahren, die Nuklearkatastrophe ihren Lauf. In jener Nacht kam es aufgrund bestimmter Eigenheiten des verwendeten Reaktortyps, menschlichen Versagens und Verstößen gegen die Sicherheitsvorschriften zu mehreren Explosionen im Reaktorkern. Große Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt, die sich als feiner Staub in der näheren Umgebung niederschlugen und – bedingt durch die Wetterlage – in Form von Aerosolen über große Teile Europas auch bis nach Deutschland getragen wurden. Durch Regen wurden die Aerosole aus der Atmosphäre ausgewaschen. Die Warnungen vor dem Verzehr von mit radioaktiven Stoffen belasteten Wildschweinfleisch und Pilzen aus Süddeutschland, insbesondere aus Bayern ist dem ein oder anderen vielleicht noch präsent.

Aber auch heute noch ist der Verzehr von Wild und Pilzen nicht bedenkenlos. So ergaben Messungen im Jahr 2012 von Proben in Bayern und Österreich nach wie vor erhöhte Werte von über 1000 Becquerel pro Kilogramm bei bestimmten Pilzsorten (zum Vergleich: der EU-Grenzwert liegt bei 600 Becquerel pro kg). Gleichermaßen betroffen sind nach wie vor Wildschweine, einem Bericht des Telegraph aus dem Jahr 2014 zufolge sind knapp ein Drittel der in Sachsen erlegten Tiere für den Verzehr nicht geeignet.

Atommüll Radioaktivität Castor Strahlung Tschernobyl

© Colourbox.com

Viel schlimmer traf es jedoch die Anwohner in direkter Umgebung des Meilers. Denn trotz der offensichtlichen Katastrophe behauptete die Kraftwerksleitung, dass der Reaktor nach wie vor intakt sei, was hauptursächlich für die Evakuierung Prypjats erst 30 Stunden nach der Katastrophe war. Die Weltöffentlichkeit schließlich wurde erst etwa eine Woche später in Kenntnis gesetzt. Danach begannen die Aufräumarbeiten sowie die Versiegelung des Reaktors durch die als Liquidatoren bezeichneten Hilfskräfte (bis zu 600.000 im gesamten Zeitraum laut einem Bericht der WHO aus dem Jahr 2006), die aufgrund der hohen Strahlung nur für eine sehr kurze Zeit eingesetzt werden konnten. Dieser als Sarkophag bezeichnete Deckel ist mittlerweile brüchig geworden und soll Ende 2017 durch einen neuen Deckel, das sogenannte New Safe Confinement, ersetzt werden.

Was aber bedeutete die Katastrophe für uns in Deutschland? Während der Nachbar Österreich als stärkstes betroffenes Gebiet Westeuropas die Kernkraft abschaffte und diese 1999 sogar gesetzlich verbot, blieben die politischen Folgen hierzulande eher gering. Zwar erhielt die Anti-Atomkraft-Bewegung nochmals Auftrieb, was u.a. dazu führte, dass das geplante Kraftwerk Kalkar nie in Betrieb genommen wurde (und heute ein Vergnügungspark ist), die Regierung unter Kanzler Helmut Kohl hob das Umweltministerium aus der Taufe (eigentlich: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit), doch es bedurfte eines viel weiter entfernten Unglücks 25 Jahre später in Japan (Fukushima hat übrigens Anfang März auch schon sein fünfjähriges Jubiläum „gefeiert“), damit auch in Deutschland der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen wurde (siehe hierzu auch den Beitrag aus RAAbits Mathematik „Restrisiko und Endlagerproblematik – den Ausstieg aus der Atomenergie begründen“). Mit diesem Beschluss rücken nun auch verstärkt die Erneuerbaren Energien zur Stromgewinnung in den Mittelpunkt (zum Thema Erneuerbare Energien siehe auch den Beitrag „Sonne, Wind- und Wasserkraft – wie gewinnt man aus erneuerbaren Energien Strom?“ aus RAAbits Physik).

Es bleibt nur zu hoffen, dass es nicht noch eines weiteren Unglücks bedarf (Tschernobyl war schließlich auch nicht das erste), damit auch die anderen Nationen folgen und den Ausstieg aus der Atomenergie beschließen.

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Ralf Baumgartner
Ralf Baumgartner
r.baumgartner@raabe.de
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