Der beste Roman aller Zeiten? – Vor 400 Jahren erschien der 2. Teil des „Don Quijote“

Don Quijote Sancho Panza Miguel de Cervantes 1547 1616

Der beste Roman aller Zeiten? – Vor 400 Jahren erschien der 2. Teil des „Don Quijote“

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Don Quijote Sancho Panza Miguel de Cervantes 1547 1616

Don Quijote, Sancho Panza und Cervantes

Wer kennt das nicht? Sowohl im Alltag als auch im Beruf hat man gelegentlich das Gefühl, „gegen Windmühlen zu kämpfen“.

Dieses inzwischen geflügelte Wort stammt aus dem ersten Teil des Romans „El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha“, den Miguel de Cervantes Saavedra 1605 veröffentlichte. Die Episode vom Kampf gegen die Windmühlen, die sich in der Fantasie des fahrenden Ritters in Riesen verwandeln, wird bereits im 8. Kapitel erzählt … Es folgen viele weitere, die mindestens ebenso lesenswert sind. Und zehn Jahre später erschien schließlich der zweite Teil, der weit mehr als eine Fortsetzung ist.

Doch was genau bewog im Jahr 2002 hundert Schriftsteller dazu, in einer vom Osloer Nobelinstitut organisierten Abstimmung den „Don Quijote“ zum besten Buch der Welt zu wählen?

Der Ritter von der traurigen Gestalt – worum geht’s?

Der Roman erzählt die Geschichte des Adeligen Alonso Quijano el Bueno (der Gütige), dessen Geist im Alter von etwa 50 Jahren durch die übermäßige Lektüre von Ritterromanen vernebelt wird, wodurch er sich selbst dazu berufen fühlt, als fahrender Ritter die Welt zu verbessern. Er nennt sich nun Don Quijote, sein alter Gaul bekommt den Namen „Rocinante“ – was wörtlich so viel bedeutet wie „früher war es ein Ross“ – und die Bäuerin Aldonza Lorenzo wird zu seiner Herzensdame Dulcinea (dulce = süß), die er erretten muss. Auf seinen Abenteuern begleitet ihn sein treuer Freund Sancho Panza als sein Schildknappe. Sancho durchschaut zwar die Verirrungen seines Herrn, doch da dieser ihm die Statthalterschaft über eine Insel in Aussicht gestellt hat, folgt er ihm dennoch.

In seinem Wahn verwandeln sich für Don Quijote Windmühlen in Riesen, er trägt einen „blutigen“ Kampf gegen Weinschläuche aus und attackiert Hammelherden, die ihm als feindliche Soldaten erscheinen. Da er jedes Mal übel zugerichtet wird, nimmt er auf Anraten seines Knappen den Beinamen „Ritter von der traurigen Gestalt“ an und kehrt als solcher am Ende des ersten Teils geschlagen nach Hause zurück.

Der zweite Teil geht davon aus, dass der erste bereits im ganzen Land bekannt sei – Don Quijote und sein Knappe Sancho Panza sind also berühmt. Bei ihrer zweiten Ausfahrt werden sie von einem Herzog und dessen Gattin empfangen, die den närrischen Ritter ebenfalls kennen und ihre Späße mit ihm treiben. Der Herzog ist es auch, der Sancho Panza die Statthalterschaft über ein Städtchen überträgt. Doch der Knappe hat von dieser Aufgabe schnell genug und begleitet seinen Herrn weiter nach Barcelona, wo der „Ritter vom silbernen Mond“ Don Quijote zum Duell fordert. Don Quijote verliert und wird dazu verpflichtet, in seine Heimat zurückzukehren. Dort angekommen, erkrankt er und erkennt schließlich auf seinem Totenbett die Irrungen der Ritterromane und seines eigenen Tuns. Damit endet sein Leben.

„Don Quijote“ als Parodie: neuer Wein im alten Schlauch

Der „Don Quijote“ gilt heute als Höhepunkt des literarischen Schaffens im spanischen Goldenen Zeitalter (Siglo de Oro, 16. und 17. Jahrhundert), doch zur damaligen Zeit rangierte er in der Gunst der Leser nicht auf einem Spitzenplatz. Im Gegenteil: Romane erschienen generell als verdächtig, da sie nicht in erster Linie der religiösen oder moralischen Erbauung dienten. Auch deshalb gibt es im „Don Quijote“ viele Einschübe und Handlungsstränge, die den profanen, lustigen Episoden quasi einen moralischen Spiegel vorhalten und ihnen so einen tieferen Sinn geben, auch wenn sie für den heutigen Leser ungewohnt sind.

Die Skepsis galt besonders den Ritterromanen, die lediglich fiktive Geschichten erzählen und dem Leser keine wahrhaften Erkenntnisse präsentieren. Miguel de Cervantes reflektiert diesen Zeitgeist im ersten Teil, in dem zahlreiche Romane einer Bücherverbrennung zum Opfer fallen. Drei Titel, denen Cervantes wie viele Leser der damaligen Zeit einen hohen Unterhaltungswert zuschreibt, werden immerhin vor dem Feuer gerettet.

Schließlich gelingt Cervantes die Parodie im Quijote nur, da er so gut mit der Gattung der Ritterromane vertraut ist. Insofern handelt es sich um einen literaturkritischen Roman, was bereits im Titel deutlich wird: „el ingenioso hidalgo Don Quijote“ meint so viel wie „erfinderisch“ oder „geistreich“. Die Welt der Ritter existiert lediglich im Kopf des Helden und wird immer wieder mit der profanen Alltagsrealität in Spanien zu Beginn des 17. Jahrhunderts konfrontiert.

Don Panza und Sancho Quijote – zum Verhältnis von erstem und zweitem Teil

In der erzählten Geschichte vergehen zwischen dem ersten und zweiten Teil des Romans nur wenige Wochen, dennoch sind die Hauptpersonen Don Quijote und Sancho Panza bereits durch die Lektüre des ersten Teils (und eines Plagiats von Fernando A. de Avellaneda) im ganzen Land berühmt. Der zweite Teil ist somit ein Metaroman, in dem die handelnden Personen Rezensionen des ersten Teils wiedergeben.

Zugleich wird der erste Teil wiederum parodiert, denn dieses Mal ist es Sancho Panza, der seinem Herrn gefällig sein will und Dulcinea als Prinzessin präsentiert, wo Don Quijote nur eine Bäuerin auf einem Esel sieht. Diese parodistische Umkehr hat aber auch einen moralischen Sinn: Indem sich die Welt über Don Quijote lustig macht, bestraft sie ihn dafür, dass er als Ritter die Welt nach seiner Vorstellung verbessern wollte – im 17. Jahrhundert eine sündhafte Anmaßung gegenüber Gottes Schöpfung.

Miguel de Cervantes – nach 400 Jahren immer noch hip!

Trotz seines Alters ist der Roman „Don Quijote“ auch heute noch gut lesbar und wurde oftmals adaptiert: als Film, als Theaterstück, als Hörspiel oder Comic-Version. Die Lebendigkeit ergibt sich vor allem aus der Gegenüberstellung der beiden Hauptpersonen Don Quijote und Sancho Panza. Während der eine groß, dürr, idealistisch, intelligent und gebildet ist, ist der andere klein, dick („la panza“ ist im Spanischen der dicke Bauch), materialistisch, volkstümlich und bauernschlau, aber auch etwas beschränkt und leicht zu beeinflussen. Don Quijote drückt sich sehr gewählt aus, Sancho Panza redet häufig in Sprichwörtern. Dadurch entsteht eine Dialogizität, die in hohem Maße unterhaltsam ist.

Mit den komplexen Erzähltechniken, der Intertextualität und Autoreflexivität hat Miguel de Cervantes ein Werk geschaffen, das weit über das hinausgeht, was zu seiner Zeit literarisch üblich und denkbar war.

Tipp: Materialien zum „Don Quijote“ für den Musikunterricht in der Grundschule

Auch musikalisch wurde die Geschichte über den „Ritter von der traurigen Gestalt“ umgesetzt, unter anderem von Richard Strauss. Ihre Schülerinnen und Schüler der Klassen 3 und 4 erschließen sich das sinfonische Musikstück, indem sie ihre Höreindrücke kreativ umsetzen:

Der Kampf mit den Windmühlen – musikalische Abenteuer mit Richard Straussʼ „Don Quixote“. Mit 5 Hörbeispielen aus „Don Quixote“, Klassen 3 und 4

Miguel de Cervantes Don Quijote 1547 1616

Die Autorin (links) in Alcalá de Henares, der Geburtsstadt von Miguel de Cervantes (1547–1616).

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Kristina Holzner
Kristina Holzner
k.holzner@raabe.de

Redakteurin im RAABE Fachverlag für die Schule, verantwortlich für die Redaktion von RAAbits Spanisch und Sozialkunde/Politik.

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