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Der 10. Oktober – ein trauriger Anlass für einen Gedenktag

Elektrischer Stuhl New York 1888 Hinrichtung Todesstrafe

Der 10. Oktober – ein trauriger Anlass für einen Gedenktag

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Eine kleine morbide Quizfrage: Wissen Sie, wann auf deutschem Boden zum letzten Mal die gerichtlich geurteilte Todesstrafe vollstreckt wurde?

  1. Am 18. Februar 1949,
  2. am 11. Mai 1949,
  3. am 7. Juni 1951,
  4. am 15. September 1972 oder
  5. am 26. Juni 1981?
Richter Anwalt Recht Gesetz Urteil

© Colourbox.com

In sich genommen ist jede dieser fünf Angaben korrekt, aber tatsächlich ist e) die richtige Antwort. Werner Teske hieß der Mann, dem die unrühmliche Auszeichnung gebührt, Opfer der letzten erfolgten Hinrichtung zu sein.

Landsberg JVA Justizvollzugsanstalt Hinrichtung Todesstrafe

Hinter den Mauern der JVA Landsberg wurden 1951 die letzten Hinrichtungen auf Geheiß eines US-Militärgerichts durchgeführt.

Vielleicht haben Sie den kleinen Trick bemerkt, dass es in der Frage hieß „auf deutschem Boden“. Denn tatsächlich wurde Werner Teske durch ein Militärgericht in der DDR zum Tode verurteilt, selbst nach damaliger Rechtsprechung übrigens rechtswidrig. In Westdeutschland wurde die Todesstrafe mit der Gründung der Bundesrepublik und der damit einhergehenden Einführung des Grundgesetzes bereits am 6. Mai 1949 abgeschafft. Drei Monate zuvor, am 18. Februar 1949, wurde in Tübingen die letzte durch ein westdeutsches Gericht angeordnete Hinrichtung an dem Raubmörder Richard Schuh vollzogen.

Wie passt dann aber der 11. Mai 1949 in diese unrühmliche Reihe?

Das im Mai verabschiedete Grundgesetz der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland hatte keine Gültigkeit für West-Berlin, da dieses Gebiet unter der Kontrolle der westalliierten Kräfte Großbritannien, USA und Frankreich stand. Deren gebilligtes Gesetz zur Abschaffung der Todesstrafe trat erst am 20. Januar 1951 in Kraft, die letzte Hinrichtung Berlins wurde, wie erwähnt, am 11. Mai 1949 am Raubmörder Berthold Wehmeyer vollzogen.

Doch wieso dieser wenig erbauliche Rückblick auf die deutsche Geschichte? Der Anlass ist ein trauriger: der 10. Oktober ist der „Welttag und Europäischer Tag gegen die Todesstrafe“. Ausgerufen wurde der Welttag zum ersten Mal im Jahr 2003 durch die Weltkoalition gegen die Todesstrafe, einem Dachverband, in dem sich gegenwärtig 160 Mitglieder (darunter auch Amnesty International, Human Rights Watch oder die Initiative gegen die Todesstrafe e.V.) organisieren. 2007 wurde der Gedenktag durch die EU und den Europarat als „Europäischer Tag gegen die Todesstrafe“ übernommen.

Die Arbeit dieser Organisationen ist immer noch nötig. Jedes Jahr werden mehr als tausend Menschen weltweit hingerichtet (genaue Zahlen sind aufgrund der Geheimhaltung in China nicht zu nennen), noch immer ist die Todesstrafe in 52 Ländern gesetzlich verankert und wird auch angewandt, wie in Japan oder zuletzt wieder in den USA (nur am Rande: auch in der Verfassung des Landes Hessen ist in Artikel 21 die Todesstrafe bei besonders schweren Verbrechen noch vorgesehen; nur die Tatsache, dass Bundesrecht über Landesrecht steht, macht diesen Artikel nichtig).

Und auch hierzulande gibt es immer wieder Stimmen, die die Wiedereinführung fordern, z.B. während des Deutschen Herbsts. Dabei ist der Nutzen, so hierbei überhaupt von einem Nutzen gesprochen werden kann, auch jenseits der menschenrechtlichen Einwände, mehr als zweifelhaft. Ebenfalls sind zahlreiche Fälle von Fehlurteilen dokumentiert, in denen nachweislich Unschuldige hingerichtet worden sind. Ein fortführendes  Pro und Kontra Todesstrafe findet sich bei der Initiative gegen die Todesstrafe e.V.

Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages des 10. Oktober für einen Gedenktag mit freudigerem Anlass genutzt werden kann.

Wollen Sie mit Ihren Schülern das Thema „Todesstrafe“ behandeln? Mitte November 2016 erscheint bei Berufliche Schulen Religion und Werte die Unterrichtseinheit „Der werfe den ersten Stein – die Todesstrafe“.

(Der Vollständigkeit halber: am 7. Juni 1951 wurden, trotz starken politischen Protests, die letzten sieben Menschen auf westdeutschem Boden auf Geheiß eines US-Militärgerichts exekutiert. Am 15. September 1972 wurde in der DDR an Erwin Hagedorn, einem Kindsmörder, die letzte angeordnete Todesstrafe durch ein Zivilgericht vollstreckt.)

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Ralf Baumgartner
Ralf Baumgartner
r.baumgartner@raabe.de
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