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Brauchen wir Hausaufgaben? Vom Sinn und Unsinn einer pädagogischen Institution

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Hausaufgaben können ganz schön frustrierend sein. Foto: Colourbox.com

Hausaufgaben können ganz schön frustrierend sein.
Foto: Colourbox.com

Die Bildungsforscherin Jutta Allmendinger hat Anfang August eine heftige Diskussion angestoßen um etwas, das zur Schule gehört wie Tafel und Kreide: Die Hausaufgaben. Allmendinger fordert diese abzuschaffen – und stattdessen Förderung und Nacharbeit in den Unterricht zu integrieren.

Hausaufgaben – eine „Familiensache“ ?
Denke ich an meine eigene Schulzeit zurück, dann sehe ich mich selten allein vor den Hausaufgaben sitzen. Wusste ich nicht weiter, half mir meine Familie: Mein Vater ackerte mit mir die Mathe-Aufgaben durch. Meine Mutter las meine Aufsätze und erklärte, sie sei stolz auf mich. Meine Schwester ließ mich aus ihren alten Hausheften abschreiben.

Viele Eltern lernen fleißig mit
Mit unserem familiären Teamwork gehören wir offenbar zur Mehrheit: Einer Studie der Universität Bielefeld zufolge stehen 77 Prozent der Eltern ihrem Nachwuchs bei Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Referaten mit Rat und Tat zur Seite. Aber was ist mit der Minderheit, den anderen 23 Prozent: Den Schülerinnen und Schülern, die daheim keine Unterstützung erhalten?

Wenn daheim niemand hilft
Wir alle sind während unserer Schulkarriere sicher mehr als einmal an einen Punkt gekommen, wo die Anforderungen der Schule einfach zu hoch waren. So kam ich in der Grundschule weinend nach Hause, die Schimpfworte der Handarbeitslehrerin noch im Ohr, in der Hand einen zerknäulten, nur halb gehäkelten Teddy. Später am Gymnasium hing ich stundenlang am Telefon im Gespräch mit meinem Onkel, einem Diplom-Physiker, der mir geduldig dabei half, ein Physik-Referat zu konzipieren. Angenommen, so einen Onkel hätte ich nicht gehabt, stattdessen eine alleinerziehende Mutter, die den ganzen Tag hätte arbeiten müssen. Oder türkische Eltern, die kaum Deutsch gekonnt und auch das deutsche Schulsystem nicht durchschaut hätten. Was hätte ich dann getan, mit meinem Häkel-Teddy und mit meinem Referat zur „Entwicklung der friedlichen Nutzung der Kernenergie in der BRD seit den 1970er Jahren“?

Wie eine Schule ohne Hausaufgaben funktionieren kann
Jutta Allmendiger sieht die Lösung für diejenigen, die sich auf keine Hilfe von zu Hause verlassen können, wenn es ums Lernen geht, langfristig in Ganztagsschulen: Eine umfassende Betreuung durch die Schule lässt die Kinder mit ihrem Lernaufwand nicht allein. Am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen ist Allmendingers Forderung zumindest teilweise Wirklichkeit geworden: Ganztags-Unterricht gibt es nicht, aber dafür statt den Hausaufgaben gemeinsame Übungsstunden. Das ELSA, wie es sich nennt, hat einen guten Ruf und für sein Engagement auch schon mehrere Preise gewonnen. Allerdings ist es vielen Eltern, die Kinder am ELSA haben, wohl gar nicht so recht, dass die Hausaufgaben wegfallen – weil sie den Lernstand Ihrer Kinder nicht mehr kontrollieren können.

Aber ich habe noch den tiefen Seufzer meiner Mutter im Ohr, wie sie damals meinen halbfertigen Häkel-Teddy in die Hand nahm. Hätte es an meiner Grundschule damals integrierte Förderstunden für Häkelschwache gegeben – sie hätte sicher nichts dagegen gehabt.


Beitrag von Leonie Schönleber

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Britta Minges
b.minges@raabe.de

... ist als Produktmanagerin für alles rund um die Werke "Auf dem Weg zur inklusiven Schule" und "Auf dem Weg zur inklusiven Grundschule", ebenso wie für SCHULLEITUNGONLINE zuständig - und ist Social-Media-Managerin

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