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Arbeitslos über die Sommerferien? – Der Mythos vom unkündbaren Lehrer

Arbeitslos über die Sommerferien? – Der Mythos vom unkündbaren Lehrer

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„Ihr Lehrer habt es gut, ihr seid alle Beamte und unkündbar!“ – diesen Satz haben Sie bestimmt schon oft zu hören bekommen. Aber was ist eigentlich dran an dieser Aussage? Fakt ist: Jedes Jahr in den Sommermonaten steigt die Erwerbslosigkeit unter Lehrern stark an. 2012 meldeten sich – pünktlich zu den Sommerferien – bundesweit 5 400 Lehrer arbeitslos. In Baden-Württemberg war die Steigerungsrate im Vergleich zum Vorjahr besonders hoch: Sie lag bei 1 400 Prozent.

Jeder vierte Lehrer ist nicht verbeamtet

Jeder vierte Lehrer ist nicht verbeamtet. Foto: Thinkstock

Jeder vierte Lehrer ist nicht verbeamtet. Foto: Thinkstock

Die weitverbreitete Vorstellung vom unkündbaren Lehrer ist also falsch: Denn nur drei von vier Lehrkräften in Deutschland sind verbeamtet. Rund 190 000 Lehrer arbeiten hierzulande als Angestellte. Vor allem Vertretungslehrer erhalten meist nur befristete Verträge und sind deshalb besonders häufig von der saisonalen Arbeitslosigkeit betroffen. Ihren Lebensunterhalt müssen sie während der Sommermonate regelmäßig mit Arbeitslosengeld I oder Hartz IV bestreiten. Für die Länder ist das praktisch: Auf diese Weise sparen sie im Juli und August viel Geld ein – der deutschen Arbeitslosenversicherung sei Dank.

Zweiklassengesellschaft im Lehrerzimmer?

In Deutschlands Lehrerzimmern rumort es. Viele angestellte Lehrkräfte fühlen sich als „Lehrer zweiter Klasse“. Nicht nur, dass sie nicht in den Genuss der Unkündbarkeit kommen wie ihre verbeamteten Kollegen – sie erhalten für die gleiche Arbeit auch weniger Geld. Je nach Bundesland und Schulform kann der Einkommensunterschied bis zu 400 Euro netto betragen. Darüber hinaus sind angestellte Lehrer sehr viel häufiger von Schulwechseln betroffen. Sich immer wieder an einen neuen Chef, an neue Kollegen und neue Schüler gewöhnen zu müssen – das empfinden viele als belastend.

 Freiwilliger Verzicht auf die Verbeamtung?

Umso erstaunlicher scheint es, wenn ein Lehrer freiwillig auf die begehrte Verbeamtung auf Lebenszeit verzichtet. Arne Ulbricht, Lehrer an einem Berufskolleg in Mettmann bei Wuppertal, hat es getan. „Ich möchte nicht Teil von etwas sein, das ich nicht gut finde“, begründet der 40-Jährige seine Entscheidung in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. Er findet es zum Beispiel diskriminierend, dass Lehrer, die übergewichtig sind oder an Vorerkrankungen leiden, keinen Beamtenstatus erhalten – auch wenn sie sich überdurchschnittlich engagieren.

 Der Beamtenstatus – ein „Klotz am Bein“?

Arne Ulbricht plädiert für eine bundesweite Abschaffung der Verbeamtung und eine Bezahlung von Lehrern „nach Engagement“: „Jemand, der Leistungskurse leitet, nebenbei einen Schüleraustausch organisiert und haufenweise Klausuren korrigiert, sollte mehr verdienen als seine Kollegen,“ sagt er. Den Beamtenstatus empfindet er sogar als „Klotz am Bein“: Denn der Wechsel an eine andere Schule oder in ein anderes Bundesland ist für einen verbeamteten Lehrer sehr schwierig. Und kaum einer traut sich, den sicheren Beamtenstatus später aufzugeben und in einem anderen Job einen Neuanfang zu wagen.

Wie sehen Sie das? Ist der Beamtenstatus ein goldener Käfig? Oder die einzige Möglichkeit, dass der Lehrerberuf in Zukunft nicht an Attraktivität einbüßt? Diskutieren Sie mit – wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

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Valeska Spaetling
Valeska Spaetling
v.spaetling@raabe.de

war Redakteurin im RAABE Fachverlag für die Schule und betreute die Projekte „RAAbits Wirtschaft Berufliche Schulen“ und "RAAbits Realschule Sozialkunde/Politik".

2 Kommentare
  • Verena Zimmer
    Gepostet um 12:01h, 08 August

    Sicherlich mag die Sicherheit durch den Beamtenstatus verlockend sein, erst recht wenn man kein wirklich risikobereiter Mensch ist. Vielleicht ist er auch gerade dann verlockend, wenn man genau deswegen Lehrer oder Lehrerin geworden ist und eben nicht aus Leidenschaft. Ich bin Lehrerin und habe immer bewusst auf den Beamtenstatus verzichtet, weil ich mir wie andere Menschen in der freien Wirtschaft auch die Schule aussuchen möchte. Nach dem Referendariat habe ich für ein Softwareunternehmen gearbeitet, dann für eine Schule im Ausland und jetzt für eine internationale Schule in Deutschland. Ich könnte mir nichts besseres vorstellen und vor allem treffe ich auf Kollegen, die Lust auf ihre Arbeit haben. Meiner Meinung nach sollte der Beamtenstatus abgeschafft werden, die Schule sucht sich ihre guten und passenden Lehrer selbst aus, die Lehrer müssen sich entsprechend bewerben und sich durch Zielsetzungen beweisen, sich weiter bilden und dürften sich nicht auf der faulen Haut ausruhen. Ich bin mir bewusst, dass es viele engagierte Lehrer und Lehrerinnen gibt. Keine Frage, aber es gibt eben auch die, die nie wirklich Lehrer werden wollten oder die nicht mehr wollen oder können. Es wäre gut, wenn es Alternative gäbe, um die Freude am Lernen und Arbeiten zu erhalten.

  • Valeska Spätling
    Gepostet um 08:13h, 14 August

    Vielen Dank für Ihren sehr interessanten Kommentar! Sie sagen: „Ich bin mir bewusst, dass es viele engagierte Lehrer und Lehrerinnen gibt, (…) aber es gibt eben auch die, die (…) nicht mehr wollen oder können.“ Frustration und Erschöpfung unter Lehrern sind ja tatsächlich groß. Liegt das nicht auch an der mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung des Lehrerberufs; an den gestiegenen und teilweise unerfüllbaren Erwartungen und Anforderungen, die an Lehrer heutzutage gestellt werden; an der wachsenden Zahl schwieriger Schüler etc.? Die Abschaffung des Beamtenstatus würde zumindest dieses Problem vielleicht gar nicht lösen …

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