„Es war einmal …“ – 200 Jahre Grimms Märchen

„Es war einmal …“ – 200 Jahre Grimms Märchen

Posting teilen:

Wölfe, Kannibalen und böse Stiefmütter – eine fragwürdige Geburtstagsgesellschaft 

Das Rotkäppchen, „La Petit Chaperon Rouge“, war auch schon in der Märchensammlung von Charles Perrault aus dem Jahr 1697 vertreten. In dieser französischen Version endet die Geschichte für Rotkäppchen und die Großmutter jedoch im Bauch des Wolfes. Der rettende Jäger findet sich erst in der viel späteren Fassung der Brüder Grimm.
Das Rotkäppchen, „Le Petit Chaperon Rouge“, war auch schon in der Märchensammlung von Charles Perrault aus dem Jahr 1697 vertreten. In dieser französischen Version endet die Geschichte für Rotkäppchen und die Großmutter jedoch im Bauch des Wolfes. Der rettende Jäger findet sich erst in der Fassung der Brüder Grimm.

Was sind das bloß für Geschichten? Ein Geschwisterpaar wird von den Eltern zum Verhungern im Wald ausgesetzt, von einer gefräßigen Hexe eingesperrt und am Ende fast in den glühenden Ofen geschoben. Ein Wolf verschlingt eine alte Frau, legt sich in ihr Bett und antwortet mit verstellter Stimme auf naive Fragen der Enkelin, bevor er auch sie vernascht. Und ein Frosch bietet seine Hilfe an, als ein kostbares Spielzeug in den Brunnen fällt, verlangt aber als Gegenleistung, dass ihn das junge Mädchen mit in ihr Bett nimmt. Fasst man die Handlung bekannter Märchen zugespitzt zusammen, so muss man sich schon fragen, warum diese Geschichten eigentlich so beliebt sind. Ist das nicht alles viel zu absurd, brutal und pikant, um es kleinen Kindern als Gutenachtgeschichte zu erzählen?

In diesem Jahr werden Grimms Märchen 200 Jahre alt: Am 20. Dezember 1812 erschien der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“, herausgegeben von Jacob und Wilhelm Grimm. Zwar brauchte es einige Zeit, bis sich die Sammlung gegen ältere, heute vergessene Märchen-Anthologien durchgesetzt hatte: Inzwischen gehören „Grimms Märchen“ jedoch zu den beliebtesten Märchenbüchern überhaupt. Durch unzählige Übersetzungen, Bearbeitungen und Nacherzählungen sind „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“ und der „Froschkönig“ inzwischen in der ganzen Welt in der Version der Brüder Grimm bekannt.

Kulturgeschichte, Anthropologie und Psychoanalyse – Märchen im Deutungsstreit

Worauf sich aber die zeitlose Faszination der Grimm’schen Märchen gründet, darüber streiten Experten noch immer. Ist es ihre Authentizität als Dokument vergangener Zeiten, in dem sich Werte und Vorstellungen einer vorindustriellen Gesellschaft spiegeln, wie Kulturhistoriker vorschlagen? Kommt der Tatsache, dass Märchen um Liebe, Reichtum und Glück kreisen und typische Grundmuster menschlicher Erfahrung thematisieren, eine entscheidende Rolle zu, wie die Ethnologen und Anthropologen behaupten? Oder müssen die wunderbaren Geschichten von Prinzessinnen, Fröschen und bösen Stiefmüttern eigentlich als symbolische Psychodramen gelesen werden, die im Inneren unserer Seele spielen und von pubertären Ängsten und verdrängten Wünschen handeln, wie Tiefenpsychologen und Psychoanalytiker annehmen?

Möglicherweise ist auch alles viel einfacher: Bei vielen Menschen löst das Stichwort „Märchen“ wohlige Assoziationen aus. Man hört das Kaminfeuer prasseln, lauscht dem Klang einer warmen Erzählerstimme und fühlt sich durch vertraute Wendungen wie „Es war einmal …“ in die heimelige Behaglichkeit unbeschwerter Kindertage zurückversetzt. Mögen wir Märchen also vielleicht einfach deshalb, weil sie „schön“ sind und uns an die Zeit erinnern, da wir an langen Winterabenden gebannt den Erzählungen gelauscht, uns vor dem bösen Wolf gegruselt und ohne moralische Skrupel mit Hänsel und Gretel triumphiert haben, als am Ende nicht sie dran glauben mussten, sondern die böse Hexe im Ofen verbrannte?

Sammler, Verfasser oder Redakteure? – Die Rolle der Brüder Grimm

Die Brüder Grimm begannen ihre Märchensammlung als akademisches Projekt unter ro-mantischen und patriotischen Vorzeichen: Sie glaubten, in den Märchen finde die kollektive Volksseele ihren natürlichen Ausdruck. Sie wollten daher eine Art „Archiv deutscher Volks-dichtung“ schaffen. Erst als Reaktion auf zahlreiche kritische Stimmen, die die Dürftigkeit und Geschmacklosigkeit vieler Texte bemängelten, wurde aus der wissenschaftlichen Do-kumentation ein Lesebuch mit Gutenachtgeschichten für Kinder.
Die Brüder Grimm begannen ihre Märchensammlung als akademisches Projekt unter romantischen und patriotischen Vorzeichen: Sie glaubten, in den Märchen finde die kollektive Volksseele ihren natürlichen Ausdruck. Sie wollten daher eine Art „Archiv deutscher Volksdichtung“ schaffen. Erst als Reaktion auf zahlreiche kritische Stimmen, die die Dürftigkeit und Geschmacklosigkeit vieler Texte bemängelten, wurde aus der wissenschaftlichen Dokumentation ein Lesebuch mit Gutenachtgeschichten.

Damit wären wir jedenfalls wieder bei den Brüdern Grimm angelangt: Denn den typischen Tonfall, ihren heimeligen „Sound“, den verdanken die Märchen vor allem ihren Bearbeitern Jacob und Wilhelm Grimm. Lange hat sich zwar das von den Brüdern selbst verbreitete Gerücht gehalten, sie hätten die Märchen lediglich gesammelt und so aufgeschrieben, wie man sie ihnen in den Bauernkaten und Wohnstuben der einfachen Leute erzählt hatte.

Inzwischen weiß man jedoch: Das ist allenfalls die halbe Wahrheit. Denn es war insbesondere Wilhelm Grimm, der die noch etwas rohen und unbehauenen Geschichten der ersten Ausgabe von Auflage zu Auflage weiter formte, sie atmosphärisch verdichtete, neue Handlungselemente hinzuerfand, sie mit wiederkehrenden Formeln und Floskeln ausschmückte und ihnen jene sprachliche Gestalt verlieh, die uns heute so vertraut ist.

Märchen im Klassenzimmer – nicht nur für Grundschüler interessant!

Als vor 200 Jahren die Erstausgabe erschien, waren die „Kinder- und Hausmärchen“ vor allem ein akademisches Projekt und ihre Eignung für Heranwachsende umstritten. Die späteren Ausgaben haben die Brüder Grimm aber schon bewusst als „Erziehungsbuch“ konzipiert. Und ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden Grimms Märchen sogar Schullektüre. Als solche haben Sie sich bis heute behaupten können: Gerade in den unteren Klassen werden Märchen immer noch gern gelesen.

Reizvoll kann es aber auch sein, sich einmal in einem Oberstufenkurs mit der Entstehung und Interpretation bekannter Märchen zu befassen. Wir haben daher das Jubiläum zum Anlass genommen, eine RAAbits-Reihe für die Sekundarstufe II neu aufzulegen: Über Märchen nachdenken – die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Gattungsmerkmale, Überlieferungsgeschichte und Interpretation (Sek. II).

Ab sofort können Sie die Materialien in einer aktualisierten und erweiterten Neuauflage bestellen, anlässlich von „200 Jahre Grimms Märchen“ bis zum 31.12. zum Sonderpreis. Gehen Sie den bekannten Märchen von „Hänsel und Gretel“, „Dornröschen“ und „Rotkäppchen“ auf den Grund und unternehmen Sie spannende Ausflüge in die vergleichende Erzählforschung, die Tiefenpsychologie und die Psychoanalyse. Informieren Sie sich gleich in unserem Webshop – und sichern Sie sich das Material für ein paar märchenhafte Deutschstunden!

PS: Natürlich haben wir noch viele weitere Unterrichtsmaterialien zum Thema „Märchen“ im Programm. Nutzen Sie einfach die Suchfunktion im Webshop oder klicken sie hier.

Posting teilen:
Gerrit Leerhoff
g.leerhoff@raabe.de

Redakteur im RAABE Fachverlag für die Schule

1 Comment
  • Tobias Dietzsch
    Posted at 10:37h, 20 Dezember

    Mir scheint die beschriebene Erinnerung an „wohlige Abende vor prasselndem Kaminfeuer“ auch eher ein Märchen zu sein. Vielleicht findet hier bereits eine gedankliche Konnotation statt, die jeglicher Grundlage entbehrt – die vielmehr Wunschdenken ist: So hätten wir es gerne gehabt. In wie vielen Haushalten gab es denn überhaupt einen Kamin?
    Nichtsdestotrotz hängen wir diesem „ideal“ nach. Deshalb werden auch wir für unsere Kinder wieder zu Märchenerzählern. Und so dreht sich das Rad einfach weiter und weiter und weiter …

Post A Comment

Akzeptieren und Weiter
Diese Webseite verwendet Cookies. In unserer Datenschutzbestimmung können Sie Details über die Einstellungen der Anbieter erfahren und wie Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern können. Durch den Besuch der Website akzeptieren Sie die Nutzung von Cookies.